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Alles im Kasten

Text: Alfred Burzler Fotos:

Die Anrichte diente in früheren Tagen im Speisezimmer der Aufbewahrung von Tischgedecken und Tafelgeschirr. In der Zeit des Jugendstil waren Kredenz oder Aufsatzkredenz verbreitet, wobei die schweren Schränke aus Mahagoni oder Eiche meist innerhalb eines Gesamtentwurfes für ein Esszimmer gefertigt wurden.

Die Architekten der Wiener Moderne lieferten in der Zwischenkriegszeit Entwürfe für hochwertige Buffets, die optisch leicht und funktional waren, aber doch einigermaßen elitär blieben. Verbreitet waren hingegen die klobigen Masssenerzeugnisse, die man heute Rundbaumöbel nennt. Um 1930 entstanden dann im Geist der Moderne die ersten sogenannten Typenmöbel. Dieser Begriff bezeichnet frühe Systemmöbel, also Möbel mit einfache Grundformen, rechten Winkeln und genormten Maßen, die beliebig kombiniert und erweitert und je nach Bedarf mit bestimmten Ausstattungsmerkmalen wie Schiebetüren, Glastüren oder Laden ergänzt werden konnten. Als Erfinder des Systemmöbels gilt übrigens der österreichische Architekt Franz Schuster.

Die Anrichte skandinavischer Prägung wird heute gemeinhin als „Sideboard“ bezeichnet. Diesen halbhohen Korpusmöbeln mit meist längs oder quer verstrebten Beinen gelang im Nachkriegseuropa ein beispielloser Siegeszug. Im perfekten Zusammenspiel von skandinavischem Design- und Qualitätsbewusstsein entstanden unzählige Varianten des Sideboardthemas, die immerzu in den tropischen Hölzern Teak oder Palisander ausgeführt waren. So wurden die Anrichten aus dem Norden auch hierzulande ein unverzichtbarer Bestandteil jeder gehobenen Wiederaufbau-Einrichtung. Wer preislich nicht mitkonnte, für den standen auch heimische Produkte, wie zum Beispiel Anrichten aus dem sozialen Wohnprogramm „SW-Möbel“ zur Auswahl. 40 Jahre später erweckte der Vintagetrend die halbhohen Containermöbel zum zweiten Leben. Die Sideboards aus den Fifties und Sixties können nun ihre wohnliche Funktionalität derart überzeugend unter Beweis stellen, dass hochwertige Originale mittlerweile rar und teuer geworden sind. Da wundert es nicht, dass sich Designer wie Hersteller heute des Themas annehmen und so neue Aufbewahrungsmöbel entstehen, die an Sideboards vergangener Tage erinnern.

Besonders frisch wirkt das Schrankmöbel Theca, das die französischen Designbrüder Bourroullec für Magis entworfen haben. Theca ist nicht eindeutig als Anrichte definiert, macht aber in jedem Wohnzimmer eine gute Figur. Der Materialmix von Holz und formgedrücktem Aluminium erinnert an Industriemöbel und lässt den Entwurf, der auch Linien aus den Fünfziger Jahren aufnimmt, irgendwo zwischen Wohnzimmer- und Werkstattmöbel oszillieren. Besonders feine Klinge beweisen die Bourroullecs mit dem leichten Knick, der die Seitenwand zum Fußteil umdefiniert. Smart und simpel: Nur wenige Schrauben verbinden die Regalfächer mit den metallischen Wangen. Die maximale Breite des Kastenmöbels beträgt allerdings nur 120 cm.

Der österreichische Traditionsbetrieb Anrei stellt ein Sideboard zur Schau, das innerhalb des Massivholzprogramms Fino entwickelt wurde und für das Thomas Feichtner, mittlerweile Doyen der österreichischen Designszene, verantwortlich zeichnet. Die Anrichte aus der bereits red-dot-prämierten Finokollektion zitiert die fünfziger Jahre nur subtil - etwa durch die gespreizten Beine mit sich verjüngendem Profil, und überzeugt mit einigen ansprechenden Details aus der Feichtner´schen Formensprache: Kanten sind geschrägt, Ecken gerundet, Griffe perfekt angeordnet. Insgesamt entsteht hier mit Hilfe moderner Fertigungstechnologie und in Massivholz aus nachhaltiger Forstwirtschaft ausgeführt, ein kompakter und sympathischer Sideboard-Relaunch.

Auch das Designlabel Pudels Kern hat sich des Aufbewahrungs-themas angenommen und für die Lienzer Firma Forcher eine Kommode nach Vintage-Vorbildern entwickelt. Die Beine sind hoch wie der Korpus und dem Stil der fünfziger Jahre nachempfunden. Tür- und Ladenfronten sind vorliegend, die entstehenden Fugen strukturieren das Möbel formal. Kleine Markierungen in Form von Türgriffen sind dort angebracht, wo die Türen oder Laden zum Öffnen gedrückt werden sollen. Dieses feine Zitat hat Witz und wurde bereits mit dem „interior innovation award selection 2013“ ausgezeichnet.

www.magisdesign.com
www.anrei.at
www.forcher.at