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Tom Burr, 2006

An den Grenzen zum Unsichtbaren .

Text: Roland Schöny Fotos: Press

Es scheint klar zu sein: Der Dachaufbau auf einem der Hochhäuser nahe der UNO-City in Wien, auf dem IZD-Tower, dürfte Teil jenes NSA-Überwachungsnetzwerks sein, das in Dokumenten von Edward Snowden als „Vienna Annex“ tituliert wurde. Das heißt: Kontrolle manifestiert sich nicht nur als unsichtbares Phänomen im virtuellen Raum. Ihre technischen Instrumente befinden sich ganz real über unseren Köpfen. Tragen wir den Kopf in der digitalen Schlinge bis wir endgültig Gefangene der Online-Gesellschaft sind?

Nicht nur der Journalismus, auch die Kunst greift solche heißen Eisen an. Siehe dazu die mediale Performance „OnLine“; eine Produktion junger Künstlerinnen und Künstler der Abteilung digitale Kunst an der Angewandten. Flugpassagiere mit Drahtschnüren um den Hals werden von kleinen Drohnen durch eine Halle gezerrt. Live. Stilistisch dockt das Stück an diverse Mythenbildungen rund um das Thema Internet an. Düstere Atmosphäre, Gefahr allerorts. Die Flughafen-Transitzone als Schauplatz.

Zugleich erfolgt die Aufzeichnung sämtlicher Gesichter im Publikum: abfotografiert, digital punktiert, und öffentlich projiziert. Den Code biometrischer Gesichtserkennung in Sprachelaute übersetzt liest dazu Tina Muliar; ganz in der Art des expressiven lautmalerischen Gesangs einer Diamanda Gallas.

Nach der Architekturbiennale Venedig gastierte das digital-reale Stück in Triest. Hier demonstrierte die sechswöchige Veranstaltungsreihe „Salotto Vienna“, wie sich die Kultur einer Stadt abbilden lässt, ohne gleich wieder auf die typische Idee einer Ausstellung zurückzufallen. Initiiert von MAK Direktor Christoph Thun-Hohenstein konzipierte Jürgen Weishäupel den Salotto Vienna. 33 Abende lang als Mix der Kultur Wiens in der ehemaligen Fischhalle (Ex Pescheria) direkt am Hafen.

Weil Triest bis zum Ende der Donaumonarchie der K.u.K.-Monarchie angehörte, ging es im heurigen Jahr des Gedenkens an die zivilisatorische Katastrophe des Ersten Weltkriegs um kulturelle Perspektiven. Eine Reihe von Artist-Talks bewies, mit welcher Leichtigkeit sich das Publikum auch von eher komplexen Konzepten zeitgenössischer Kultur fesseln lässt, wenn man es nur richtig macht. Künstler Andreas Fogarasi beispielsweise erläuterte seine typografischen Untersuchungen und architektonischen Analysen im öffentlichen Dialog. Auch Galeristin Ursula Krinzinger und Künstler wie Marko Lulic oder Edgar Honetschläger gaben Mini-Lectures, während Thomas Draschan in einer der Club Nights die Visuals beisteuerte.

Schade, schon vorbei! Und schon geht’s wieder richtig los! Überfall! Zack, Bumm! Der steirische herbst ist da. Veranstaltungsreigen. „Ich möchte lieber nicht ... teilen.“ Heuer: Anspielung auf den alles verweigernden Büromenschen Bartleby in Hermann Melvilles gleichnamiger Erzählung. Kein Thema, das sich rausschreien lässt, aber verbunden mit existentiellen Fragen: Wie stehen wir zueinander? Der Kunstverein < rotor > in Graz handelt das Thema an Hand von Grenzziehungen und Territorien ab. Natürlich in künstlerischen Arbeiten wie jenen von Tim Sharp, der sich oft mit Prozessen kolonialer Enteignung beschäftigt. die herbst-Ausstellung „Forms of Distancing“ rückt noch näher an das Thema ran. Es geht, um den Verzicht, zu allem gleich Stellung zu nehmen. Okay! Aber umgekehrt: was bedeutet Abstand nehmen unter dem Paradigma von Teilen oder Nicht-Teilen? Spannende Wochen stehen bevor; begleitet von einem dicken Heft Theorie zur Praxis. Wenig Marktschreierisches ist dabei. Dafür viel zur Auseinandersetzung mit Fragen des Zusammenlebens.

Auch Kunst im öffentlichen Raum kann intime Momente der Verwunderung und der Reflexion herstellen, kann überraschen und vor allem: entdeckt werden. Im VIERTEL ZWEI im 2. Bezirk Wiens, einem jungen Stadtgebiet zwischen Messe Wien und WU-Campus entstand ein wunderbares Terrain mit sensibel in den Außenraum eingeschriebenen Werken. Dass die Realisierung dieser Vision fast zehn Jahre brauchte, zeigt, dass Druck nicht überall angebracht ist. Das Skulpturenprojekt lädt ein, hier auszuharren. Immobilienentwickler Michael Griesmayer und Galeristin Gabriele Senn realisierten ein einzigartiges Konzept für diesen mit einer Gruppe von Werken, die mit den jeweiligen Orten ihrer Platzierung ein subtiles Reso-nanzverhältnis eingehen. Zum Beispiel „Bronzed Vanity“ (2008), von Tom Burr: ein Schminktisch aus Bronze auf einem Sockel. Rundherum die spiegelnde Wasseroberfläche einer kleinen Teichanlage, während der Spiegel auf dem kleinen Tischchen blind ist, bloß Teil des Objekts. Burr stellt oft – so auch hier – Fragen nach der Identität. Das Leben ist eine leere Fiktion und Spiegel leisten ihren Beitrag zur Schaffung einer illusionären Welt. Weitere Werke von Martin Kippenberger, Marko Luli, Barbara Mungenast, Elfie Semotan, Stephanie Taylor und Hans Weigand sind jeweils in Sichtweite zueinander platziert, aber doch soweit mit Abstand, dass deren ruhige Eigenständigkeit erhalten bleibt.

Auf die unmittelbare Ver-knüpfung von Kunst und Leben zielte die Arbeit der Künstlergruppe K.U.SCH. ab. So bezeichneten sich Renate Krätschmer und Jörg Schwarzenberger, der im Vorjahr verstorben ist. Seit 2006 wirkte auch Sohn Sito Schwarzenberger mit. Auf einem Vierkanthof in der Nähe von Melk gingen sie als Aussteiger ihrem Konzept ganzheitlich-kreativer Selbstverwirklichung im Einklang mit den Zyklen der Natur nach. So intensivierte sich ihr zunehmendes Interesse für archaische Masken und schließlich die Umsetzung von Prozessionen; in der Altstadt von Melk beispielsweise. In ihrer Objektkunst – und ebenso mit sarkastischen Wortspielereien – nahmen sie den sich ausbreitenden Warenfetischismus aufs Korn. Auch eine Reihe experimenteller Filme drehten K.U.SCH., die zeitweise mehr als Name oder Mythos präsent waren, denn im breiten Kunstbetrieb. Eine Retrospektive im Rahmen von ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH im Landesmuseum in St. Pölten, an der auch noch Jörg Schwarzenberger mitgearbeitet hat, hebt nun die dem eigenwilligen Œuvre der Gruppe inhärente Tendenz zum Gesamtkunstwerk hervor.


Salotto Vienna

steirischer herbst
bis 19. 10. 2014

Skulpturenprojekt VIERTEL ZWEI

K.U.SCH. EINE THEMENPALETTE – 2. 2. 2015