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© Florian Rainer

Auf der Suche nach Intimität

Es steht an, auf eine siebenteilige Bewusstseinsverschiebungskur gegen herbstliche Luzidität hinzuweisen. Freischwimmer nennt sich dieses performative Genesungsprodukt und wird gemeinsam von Spezialinstitutionen der Mirakelei für Neues Theater, Performance und Live-Art – SOPHIENSÆLE Berlin, FFT Düsseldorf, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main, Gessnerallee Zürich und brut Wien – vertrieben: Das diesjährige Freischwimmer-Festival schickt prophylaktisch sieben Produktionen auf die Suche nach Intimität. Wie kann Intimität im öffentlichen Theaterraum thematisiert werden? Wo können Grenzen überschritten oder auch gezogen werden, Inneres nach außen gewendet oder Phobien und Sehnsüchte geteilt werden?
Probantin Stefanie Sourial, quasi Lokalmatadorin am brut Wien, arbeitet seit 2010 als freiberufliche Performancekünstlerin und Musikerin in Wien und London. Mit ihrer Soloperformance „Freak“ begibt sie sich auf den schmalen Grat zwischen Ekel und Erregung, Selbstbeherrschung und Wahnsinn, guten Manieren und unkontrollierter Gewalt. Sie käut Familiengeschichten von gutem Benehmen und alten Traditionen wieder und beschreibt den vergeblichen Kampf, sich von anerzogenen Etiketten und strengen Normen zu befreien.

Der zweite Local Hero ist Simon Mayer, seines Zeichens ebenfalls Performancekünstler und Musiker. Er arbeitete bereits mit Anne Teresa de Keersmaeker/ROSAS, Wim Vandekeybus und der Zita Swoon Group zusammen. Zwischen Volkstanz und zeitgenössischem Tanz bewegt sich dieser spirituelle Trip „SunBengSitting“ und befreit als spielerische und humorvolle Identitätssuche Volkstanz und Brauchtum von ideologischem Ballast und überholten Männlichkeitsbildern. „SunBengSitting“ – im oberösterreichischen Dialekt ist die Sunbeng die Hausbank in der Sonne – verhandelt Fragen über künstlerische Freiheiten im Spannungsfeld von Stadt und Land, Heimat und Fremde, Schuhplattler- und Schubladendenken.

Stephan Stock aus Zürich präsentiert sein „Theater der Peinlichkeit“. Er ist Mitglied des paradoxen Kollektivs neue Dringlichkeit. Letzteres führt in Zürich politisches Theater und Aktionen durch. Caroline Creutzburg initiierte die „B Open“ genannte Live-Radio-Show zwischen Theatermacherinnen und -machern aus Berlin und Gießen. Hendrik Quast beschäftigt sich mit der Theatralisierung von Prozessen des Wachstums der Verwesung. Für die Solo-Performance „Mohrle“ erlernte er die handwerkliche Technik der anthropomorphen und naturalistischen Taxidermie. Ausgehend vom Reenactment einer Episode der dänischen Talkshow Blachman untersuchen Rose Beermann und Iva Sveshtarova in „Strip naked, Talk naked“ verschiedene Formen von Intimität – und feiern dabei die Lust am Sich-Zeigen. „Dance Box“ ist eine begehbare Tanz-Jukebox von Jungyun Bae und Tümay Kılınçel: Wähle einen Tanz, und er wird live und vor Ort performt, nur für dich! Das Geschehen im Inneren der Box ist von außen einsehbar und wird online und ins Theaterfoyer übertragen – Intimität live und weltweit!

Freischwimmer-Festival
6.-12. November 2014
www.brut-wien.at


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