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Auslotung der Urkraft

Text: Harald Justin Fotos: Jazz Fest Wien

Dass Jazz wie ein besonders feingestimmter Seismograf die gesellschaftlichen und individuellen Erschütterungen verzeichnet, lässt sich Jahr für Jahr beim Jazz Fest Wien erleben. Auch heuer versprechen die Sommerabende mit Jazz im Juli mehr als nur Musik. Selbstverständlich ist das Programm erstklassig. So kommt am 7. Juli mit Soul-Legende und Rolling Stones-Kumpel Bobby Womack einer der letzten überlebenden, grandiosen Sänger des klassischen Soul in die Wiener Staatsoper. Mit ihm und Eric Burdon, Charles Bradley, Paolo Conte, Bobby McFerrin und Bryan Ferry präsentiert sich das Jazz Fest Wien 2013 als ein Festival der starken männlichen Stimmen. Nachdem in den letzten Jahrgängen öfter die Diven des amerikanischen Showbiz den Ton beim Jazz Fest angaben, müssen nun also wieder die Männer ran.

Als Sensation kann die Verpflichtung von Shuggie Otis bezeichnet werden. Der sechzigjährige Sohn des kürzlich verstorbenen R&B-Pioniers Johnny Otis galt in den sechziger Jahren als Gitarrenwunderkind des Blues, zog sich aber in den Siebzigern von der Musik zurück. Allerdings nicht ohne der staunenden Nachwelt Alben wie „Freedom Flight“ (1971) und „Inspiration Information“ (1974) zu hinterlassen. Stilistisch zwischen Sly Stone, Jimi Hendrix und dem zukünftigen Prince vermittelnd, prägten sie den Psycho-Funk. Nach Jahrzehnten der Bühnen-Abstinenz meldet er sich nun zurück. Er wird am 8. Juli zum Doppelkonzert mit dem Stimmungsmacher des New Orleans-Funk, Trombone Shorty, im Arkadenhof des Rathauses antreten.

Die Verpflichtung von Shuggie Otis verstärkt die Programmschiene des Jazz Fest, die heuer der Gitarre gewidmet ist. Zu der erstmals in Wien auftretenden Bluesmusikerin Bonnie Raitt, zu George Benson, Mike Stern, Richie Kotzen und Harri Stojka gesellt sich noch Bluesmann Joe Louis Walker, der beim Doppelkonzert von James Carter und Robben Ford am 9. Juli im Arkadenhof die Band von James Carter unterstützen wird. Soul-Sängerin Martha High und der immer sehr erdig spielende Lou Donaldson verstärken das Line-up.

Genau so werden Akzente gesetzt, die über die Musik hinausweisen. Blues- und Soultöne dominieren dieses Jahr das Festival. Mit ihnen werden in trotziger Beharrlichkeit die Urkraft des Jazz beschworen und ausgelotet. Und das ist nötig in Zeiten, wo allerorten vom Zerfall des Sozialen die Rede ist und die Angst vor Auflösungserscheinungen die Seelen umtreibt. Dagegen ein Zeichen zu setzen, das kann nicht ganz falsch sein.

Jazz Fest Wien 2013
17. Juni bis 10. Juli 2013


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