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Joseph Beuys © zeroonefilm, Ute Klophaus

Beuys

Warum jetzt ein Beuys-Porträt? Filmemacher Andres Veiel liefert die überraschende Antwort: Der Agent Provocateur vertrat einen zeitlosen, tiefen Humanismus.

Er Wollte die „alte“ Kunst zertrümmern, legte keinen Wert darauf, in Galerien ausgestellt zu werden und verkündete: Jeder ist ein Künstler. Freilich rettete ihn seine provokative Rhetorik nicht davor, selbst ein bedeutender Teil der etablierten Kunstwelt zu werden. Als seine Arbeiten im Guggenheim Museum in New York gezeigt wurden, meinte ein Besucher nachher, er dachte, er sei auf einer Baustelle. Filz und Fett waren zwei der Lieblingsmaterialien von Beuys, er schichtete einen halben Meter Butter auf einen Sessel oder klebte Klumpen an die Wände. Bei einem Flugzeugabsturz im Zweiten Weltkrieg wurde ihm, so Beuys’ mythisches Narrativ, mithilfe dieser Materialien das Leben gerettet. Beuys unvergessliches Gesicht – lebenslang etwas schief durch den Crash – und sein Hut – „Ich habe seither einen Dachschaden“ – waren Markenzeichen des Künstlers. Der deutsche Filmemacher Andres Veiel (Black Box BRD, The Kick) hatte sicherlich kein Problem, spektakuläre Momente aus diesem Künstlerleben zu finden. Beuys hatte auch an sich selbst wie an einem Kunstwerk gearbeitet. Doch Veiels Anspruch ist größer als der, ein Künstlerporträt zu zeigen, von dem man sich fragt, warum es ausgerechnet jetzt im Kino landet. Je länger der Film dauert, desto näher kommt einem der Mensch Beuys. Ja, man ist fast gerührt von diesem Provokateur. Er hatte ein tiefes soziales Anliegen, das nichts Museales an sich hat. Er war ein Utopist und Träumer – und zugleich unheimlich konkret, wie eine Begleiterin es formuliert. Als er in Düsseldorf eine Professur an der Kunsthochschule bekam, nahm er in seiner Meisterklasse statt zehn gleich 400 Studierende auf. Alle, die sich um eine Aufnahme beworben hatten, sollten studieren können. Die Professoren-Kollegen sahen sich in ihrer Autorität untergraben, Beuys wurde entlassen. Auf der documenta in Kassel brachte er kein Kunstwerk mit, sondern pflanzte 7.000 Eichen. Die Stadt ist bis heute durch Beuys ökologische Offensive geprägt. Veiel sammelt Materialien, die Beuys als sensiblen Menschen zeigen, der sich angreifbar macht und hinter seiner Radikalität einen erschütternden aber nicht erschütterten Humanismus vertritt. Die Deutsche Bank griff der Künstler schon früh in Aktionen an: Das Geld sei, so Beuys, vom Tauschwert zum Warencharakter verkommen. Lange vor der aktuellen Kritik an Spekulationen und Börsengeschäften suchte Beuys nach den Diskurs darüber. Sehenswert.


Beuys – Dokumentarfilm, Deutschland 2017
Regie Andres Veiel Kamera Jörg Jeshel Schnitt Stephan Krumbiegel,
Olaf Voigtländer Ton Hubertus Müll Musik Ulrich Reuter, Damian Scholl
Kinostart 25. Mai

 

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