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Brigitte Kowanz, Photo: Alfred Weidinger © Bildrecht, Vienna 2017

Biennale Venedig

Text: Roland Schöny Fotos: Press

Brigitte Kowanz zählt zu den international bedeutendsten Kunstschaffenden, deren Werkstoff die Technologie des Lichts ist. Nun bespielt sie – neben Erwin Wurm – den Österreich-Pavillon der diesjährigen 57. Biennale Venedig, wo sie außerdem in mehreren weiteren Ausstellungen vertreten ist. Doch als Christa Steinle, die diesjährige Kommissärin des Österreich-Pavillon auf der Biennale Venedig, ihre Entscheidung bekannt gab, Brigitte Kowanz und Erwin Wurm zu präsentieren, kursierten sofort eine Reihe von Fragezeichen. Nicht viel mehr als ein Zunicken unter Insidern löste diese Wahl aus, kaum jedoch Überraschung oder gar Begeisterung. Sofort war klar, dass da keine konzeptuelle Bespielung zu erwarten sei, wie noch in den 1990er Jahren. Damals hatte Peter Weibel zum Beispiel die strikte Unterteilung in nationale Kleinausstellungen in den nach Ländern zerklüfteten Giardini unterlaufen und die US-amerikanische Konzeptkünstlerin Andrea Fraser sowie den Schweizer Christian Philipp Müller im Rahmen einer Gruppenausstellung im Österreich-Pavillon einbezogen. Später war die Wiener Gruppe, also die genreüberschreitende Literatur Avantgarde der 1950er Jahre Ausstellungsgegenstand und zwar in Form eines mehrere Kilo schweren Katalog-Ziegels zur freien Entnahme.

Eine derart originelle Idee erwartet das Publikum heuer nicht. Es ist vielmehr der Kürlauf zweier relativ berechenbarer Positionen, die höchst erfolgreich im internationalen Spitzenfeld beheimatet sind. Für den damals noch verantwortlichen Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) war das Konzept Christa Steinles für den Österreich-Pavillon vor allem überzeugend, weil es darauf ausgerichtet ist, in einem Übermaß visueller Eindrücke und ästhetischer Ausdrucksformen Aufmerksamkeit zu erzeugen. Im Fach der Kommunikation agieren Kowanz und Wurm tatsächlich souverän. Letzterer bringt sein Publikum mit seiner leicht subversiven Auffassung von Skulptur, mit aus allen Nähten platzenden Autos und in den Dimensionen verzerrten Alltagsgegenständen zum Schmunzeln und sich ins Gespräch. Kowanz hingegen schafft mit Licht und Spiegeloberflächen cool wirkende und magische Lichtarchitekturen. Für deren Präsentation errichtete Architekt Hermann Eisenköck in Venedig einen Zubau zum Österreich-Pavillon von Josef Hoffmann und Robert Kramreiter. Diese Situation biete noch mehr Konzentration und ermögliche die für die Geltung ihrer Arbeit wichtige, fast auratische Ausstellung, meint Kowanz nun im Rückblick auf die Phase der Konzeption dieser Ausstellung.

Von Anfang an war klar, dass eine Kooperation zwischen Wurm und Brigitte Kowanz ausgeschlossen sei. „Ich würde es einfach als professionelle Koexistenz bezeichnen, was sich ergeben hat“, erklärt Kowanz zufrieden mit der Anfangs unerwarteten Lösung eines eigenen Ausstellungspavillons. Doch genau dieses strikte Nebeneinander provozierte die Frage nach den nur spärlich vorhandenen Gemeinsamkeiten dieser Doppelpräsentation. Bemerkenswert, dass sich solche auf theoretischer Ebene tatsächlich ausmachen lassen, wie aus dem kuratorischen Konzept von Steinle hervorgeht. Denn beide Künstler erweiterten den Begriff der Skulptur. Während Erwin Wurm ihn mit seinen berühmten „One Minute Sculptures“in den performativen Kontext ausdehnte, schafft Brigitte Kowanz Lichträume, in denen sich Objekte unendlich vervielfältigt, seriell ausdehnen. „Wenngleich diese unterschiedlichen Arbeitsweisen in der Benennung weit auseinanderzuliegen scheinen, arbeiten beide doch im gleichen Feld“, kommentiert Steinle dieses Nebeneinander.

Allerdings wird die Arbeit von Kowanz bei weitem nicht so gepusht, wie jene so mancher Kollegen. Dennoch hat sie mit ihrem Œuvre eine unverwechselbare Position in der zeitgenössischen Kunst erreicht. Nur allzu gerne wird sie als „Lichtkünstlerin“ tituliert. Dennoch lässt sich ihr Werk eher aus dem Widerspiel von dualen Konstellationen heraus betrachten. Auch wenn sie ihre Lichtobjekte im Dialog mit Spiegelflächen ins Unendliche hin öffnet, so erfordert dieses explorative Arbeiten im Grenzenlosen doch eine enorme Präzision.

Auch wenn zuallererst das scheinbar immaterielle Aufleuchten abstrakter Zeichensysteme evident wird, basieren ihre Installationen dennoch auf dem rigiden Einsatz der jeweiligen Technik. Die Werke von Kowanz nehmen ihren Ausdruck nicht bloß über das ungreifbare, nur schwer in Worte zu fassenden Erstahlen von Helligkeit an, sondern ebenso über die jeweils ausgewählten Leuchtmittel. Zumeist spielen besonders geformte Leuchtstoffröhren oder LED-Lampen mit bestimmten Farbwerten eine bedeutungstragende Rolle. In vielen Fällen verwendet Kowanz außerdem Glas als Werkstoff für ihre Installationen und Objekte. Nicht nur dessen transparente Qualitäten interessieren sie, sondern auch das Potential, aus einem bestimmten Winkel heraus genau konzipierte Spiegelungen von Lichtstrukturen entstehen zu lassen. Oft erzeugt der Eindruck von Transparenz mit dem Abbild sich wiederholender oder visuell geschichteter Zeichen auf den durchsichtig wirkenden Flächen den Eindruck nicht endender Raumsequenzen.

Brigitte Kowanz, 1957 in Wien geboren, studierte bis 1980 an der Angewandten, wo sie heute als Professorin der Abteilung Transmediale Kunst vorsteht. Ihr Denken ist durch die konzeptuelle und experimentelle Avantgarde der Moderne geprägt. Nach langjähriger Grundlagenforschung – etwa in Zusammenarbeit mit Franz Graf – mit Papier- und Leinwandbildern mit phosphoreszierenden und fluoreszierenden Pigmenten wandte sie sich Konzepten zur Verstofflichung dessen zu, was seit dem 19. Jahrhundert als eines der medialen Elexiere des Urbanen gilt: der Leuchtkraft der Elektrizität. Deren Ausbreitung leitete einen grundlegenden Paradigmenwechsel mit dauerhaften Konsequenzen auf die räumliche Wahrnehmung ein. Nicht nur Ausleuchtung der Nacht, nicht nur Erhellung im aufklärerischen Sinn brachte deren Erfindung mit sich. Auf der Gegenseite bewirkte die neue Möglichkeit, öffentliche Räume auszuleuchten, eine Intensivierung von Überwachung und Kontrolle.

Trotzdem setzten Vertreter der Minimal Art, wie Dan Flavin mit seinen farbigen Neonröhren, die aus dem Zusammenhang der Reklamebeleuchtung in der US-amerikanischen Stadt kommen, zunehmend pathetisch zu einer Feier des Lichts an. Während Flavin als prominenter Vertreter der Generation davor, mehr die formalen Aspekte fokussierte, bezieht Kowanz kommunikationstheoretische Aspekte ein und setzt ihre Arbeit zu gesellschaftlichen und politischen Momenten in Bezug. Mitunter manifestieren sich in ihren Lichtinstallationen Sprachzeilen als immaterielle Poesie. Mitunter geht die Künstlerin noch einen Schritt tiefer auf die Ebene technischer Kommunikationsabläufe und bezieht sich auf eine elementare Ausprägung des binären Codes, indem sie Morsezeichen als System aus Punkten und Strichen verarbeitet. So integriert sie numerisch festgelegte, abstrakte Zeichenfolgen, welche durch den Rhythmus ihrer „Präsenz“, also das „Aufleuchten“ im Wechsel mit der Dunkelheit, Nachrichten zu transportieren vermögen. Solche Übersetzungen des Morsealphabets in eine visuelle Sprache finden sich an zahlreichen Stellen im Œuvre von Kowanz; etwa in Form rhythmisch abgeklebter Neonröhren, die sie im Rahmen ihrer Personale im mumok in Wien (2010) präsentierte.

Nur selten sind Kowanz’ Werke derart explizit politisch ausgerichtet wie ihre Arbeit für den öffentlichen Raum in der Stadt Salzburg, „BEYOND RECALL“ (2011). Jeweils über den Sockeln der vier Brückenköpfe der Staatsbrücke angebracht, beziehen sich die vier Teile der künstlerischen Intervention im Salzburger Stadtraum auf den konkreten topografischen und historischen Kontext: In semitransparenten Spiegelkuben erscheinende Schriftzüge aus Neon erinnern an die Hunderten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die von 1941 bis 1945 gegen ihren Willen und unter großen Opfern an der Errichtung dieser Brücke arbeiten mussten. „Diese Lichtzeichen zwischen den Spiegeln“, erläutert Kowanz, „sind als Informationsträger eingesetzt, fungieren zugleich aber als raumbildende Elemente. Der so entstehende Raum, kennt keine Grenzen. Innen und außen verschränken sich ineinander.“

Während die Künstlerin hier dem gestellten Thema gemäß eindeutige Bezüge zu politischen Ereignissen der Vergangenheit herstellte, operiert sie anderswo mit Schriftzeichen oder kulturellen Verweisen, wobei ihre Objekte stets auf mathematisch klaren Strukturen basieren und in ihrer jeweiligen Tiefendimensionen zumeist mit dem räumlichen Umfeld kommunizieren. Eine Intervention im barocken Marmorsaal des oberen Belvedere (2008) in Form eines pyramidalen Objekts mit innen liegenden, geschlungenen Neonlichtschleifen etwa nahm das Motiv der endlosen Faltungen des Barock auf. Dabei bleibt die Arbeit von Brigitte Kowanz stets eine technologische, nach rationalen Prinzipien organisierte Kunst, deren Werke aber zumeist eine Sphäre des sinnlich Anziehenden und Poetischen aufbauen. Ihrer Arbeit liegen wissenschaftliche Narrative zu Grunde. Zugleich ist sie durch eine auratische Ausstrahlung gekennzeichnet. Sie konfrontiert mit dem paradoxen Phänomen des Lichts als unmittelbar strahlende Evidenz im Widerspiel mit der Materialität seiner Quellen. Dies findet seine Entsprechung in jener bemerkenswerten Eigenheit, Licht sowohl in Form von Wellen, wie auch als Teilchen abbilden zu können, wie sich in der Praxis der Quantenphysik erweist. Entlang dieser Tangente liegt für Brigitte Kowanz der Übergang vom energetischen Prozess zum in Zahlen formulierten mathematischen und sprachlichen Code.

Auf dieser Ebene steuert Brigitte Kowanz mit ihrer Ausstellung im Rahmen der Österreich-Präsentation auf der Biennale Venedig auf einen neuen Kulminationspunkt zu, indem sie die Veränderung unserer gesamten Wahrnehmung durch algorithmisch organisierte Prozesse anhand technologisch und gesellschaftlich fundamentaler Entwicklungen reflektiert. Mathematisch übersetzt in skulptural wirkende Lichtobjekte, die sich virtuell in die Sphäre des Unendlichen ausdehnen, bezieht sich ihre Arbeit „Infinity and Beyond“ auf den Take-off der einstmals noch so genannten digitalen Revolution sowie auf Neuerungen im Internet, welche diesen bis in die Privatsphäre reichenden Epochenwandel beschleunigten. Der Blick wird gefangen von einem abstrakten Zeichensystem, dessen zentraler Teil sich aus dem Datum der ersten öffentlichen Nutzbarmachung des World Wide Web im Jahr 1991 konstituiert. Währenddessen bauen weitere Werke auf visuellen Übersetzungen auf, welche den Beginn der Steuerung der Recherche von Dokumenten über Google-Suchmaschinen thematisieren, sowie den Start von Facebook als sogenanntes soziales Netzwerk und das Datum der Einführung von Wikipedia als Vision für freie, globale Wissensvermittlung einbeziehen. In nahezu hypnotischer Direktheit und zugleich in einer für das Auge kaum auslotbaren Ausweitung bringt diese Installation die Eckdaten der Mediatisierung von Weltwahrnehmung und Wissensgenerierung per Digitaltechnologie auf den Punkt.


Brigitte Kowanz: Infinity and Beyond
Erwin Wurm: Performative One Minute Sculpture
Österreich-Pavillon
57. Internationale Kunstausstellung –
La Biennale di Venezia 2017

Kuratiert von Christa Steinle
Giardini della Biennale, 30122 Venedig
13. Mai 2017 – 26. November 2017

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