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Bildlektüren

Die historische Entwicklung des Mediums Fotografie ist nicht zuletzt auch eine Geschichte ihrer Theoretisierung. Schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts wird die eigentliche Handlung, also das Fotografieren, und die Betrachtung der Abbilder von kritischen Diskursen begleitet. Wolfgang Kemp und Hubertus von Amelunxen haben zentrale Texte dieser parallel verlaufenden Beschäftigung, sei sie nun affirmativ oder auch kritisch, in ursprünglich vier Teilbänden versammelt. Kommentierte Ausschnitte aus bedeutenden, insprierenden Auseinandersetzungen machen dabei nicht nur den veränderten Gebrauch des Mediums deutlich, hier wird auch etwas wie eine Geistesgeschichte der Fotografie erfahrbar. Die umfängliche Gesamtausgabe ihrer Unternehmung, die den Berichtszeitraum 1839 bis 1995 umfasst, verdient den oftmals leichtfertig verwendeten Begriff des Standardwerks.

Zwei Klassiker der Fototheorie, die auch in besagter Zusammenstellung nicht fehlen, sind Susan Sontag und Roland Barthes. Die vielfältigen Bezüge zwischen diesen Ikonen – zu denen sie nicht zuletzt durch die von ihnen gemachten Aufnahmen geworden sind – lassen sich auch in ihren einschlägigen Arbeiten finden. So ist Barthes’„Die helle Kammer“ nicht nur einer der schönsten, sondern wohl auch persönlichsten Texte zu dem Thema. Für den französischen Philosophen steht nicht der Akt des Fotografierens, sondern die Bildbetrachtung im Zentrum. Mit der wegweisenden Beschreibung einer Koexistenz von studium, der decodierenden Auseinandersetzung, und punctum, einer bestechenden Zufälligkeit, die die Aufmerksamkeit des Sehenden erregt, umreißt er eine zweiteilige Struktur, die immer wieder auch in den Bereich des Privaten zurückführt. In den jeweiligen Abbildungen zeigt sich für Barthes das für ihn zweifelhafte Unsterblichkeitsversprechen des Mediums, das ihn immer wieder an die eigene Mortalität erinnert. Begehren, Trauer und Verlust dominieren deshalb wohl auch diese poetische Annährung an das Wesen der Fotografie, die für ihn immer dann ihr kritisches Potenzial entfaltet, wenn sie zum Nachdenken einlädt.

Die Aufforderung zur Reflexion, zum Widerspruch ist auch für Susan Sontag zentral. Diese streitbare Intellektuelle, die in den letzten Jahren wieder verstärkt Aufmerksamkeit erfährt, hat sich, stets einen literaturbetonten Standpunkt einrechnend, unablässig mit den Fragen visueller Kultur auseinandergesetzt. Als 1979 im „Rolling Stone“ ein Interview mit ihr erschien, war sie bereits eine anerkannte Schriftstellerin und Denkerin. Mit „On Photography“ leistete sie zwei Jahre davor einen zentralen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Medium, dem in den folgenden Jahrzehnten noch weitere folgen sollten. Das nun erstmals vollständig zugängliche Gespräch kommt, neben vielen anderen Bereichen, auch immer wieder auf Sontags skeptische Betrachtungen zurück: Wie sich etwa Spuren des Realen im Bild wiederfinden lassen, wie diese wechselseitige Beeinflussung von Realität und Abbild konsumiert werden und Fotografien, eingebettet in eine voyeuristische Beziehung, die Wirklichkeit selbst in Frage stellen. Mit Sontags Worten: „There is no final photograph.“

Wolfgang Kemp/Hubertus v. Amelunxen
Theorie der Fotografie I-IV.1839-1995.
Schirmer/Mosel, München, € 59,70

Roland Barthes
Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M./ Berlin, € 10,30

Jonathan Scott
Susan Sontag: The Complete Rolling Stone Interview
Yale University Press, New Haven, $ 26

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