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Marissa Lobo in "Ghost Times" © Gin Müller

On the Road – brut Wien

Der urban kompetente Großstädter sucht im herbstlichen Wien nach kulturellen Möglichkeiten, um seine Anti-Fragilität zu stärken. Fündig werden könnte er in einem der renommiertesten Häuser der freien Performance-, Tanz- und Theaterszene im deutschsprachigen Raum. Es handelt sich um das Neutrum brut. Die Gründungsintendanten von brut waren Thomas Frank und Haiko Pfost, deren Intendanz für die Umstrukturierung in ein international agierendes Koproduktionshaus stand. Seit Herbst 2015 ist Kira Kirsch, bis dahin leitende Dramaturgin beim steirischen herbst in Graz, Künstlerische Leiterin und fokussiert nun stärker auf prozessorientiertes Arbeiten, temporäre Spielorte und Kooperationen mit Institutionen aus benachbarten Disziplinen. Was heißt das konkret für diesen Oktober und November?

Der Saisonstart am 11. Oktober beginnt mit der Uraufführung der Performance-Serie Ghost Times – A Queer Journey Through Theatre in der temporären Spielstätte studio brut in der Zieglergasse 25. In Ghost Times führen zwei erzählende Geisterfiguren das Publikum auf eine episodenhafte Zeitreise in die Untiefen der Theatergeschichte. Verschiedene Performancekünstler und politische Aktivisten eignen sich ikonische Momente des klassischen Theaterkanons durch queere und dekoloniale Sicht an und bringen sehr persönliche Perspektiven ein. Sie holen überraschende Themen, Figuren und Ideen hinter den „großen Erzählungen“ ans Tageslicht und präsentieren ein kritisches und ironisches Stück Selbstermächtigung. Für das zweijährige Queering Theatre Project vom Wiener Performancekünstler und Aktivisten Gin Müller, der bereits zahlreiche Projekte im brut realisierte, haben sich Performancekünstler, Aktivisten und Theoretiker aus mehr als 15 Ländern der Welt zusammengeschlossen, um den klassischen Kanon der Theatergeschichte als auf- und ausschlussreiche kulturelle Konstruktion des Westens zu hinterfragen.

2_Observatorium_c_irrealitytv.pngirreality.tv – NACHTWACHE Galapremiere © irreality.tv

Weiter geht es mit einer Galapremiere im Stadtkino. Die Welturaufführung der Stadt-Performance-Fernsehserie NACHTWACHE steht am 19. Oktober auf dem Programm. Basierend auf Jonathan Crarys Essay 24/7: Late Capitalism and the Ends of Sleep erzählt irreality.tv von einer schlaflosen Welt, in der die Widerstandsorganisation NACHTWACHE für die Wiederkehr des Schlafens kämpft. Das Szenario einer Welt des 24/7 war vor allem eine Einladung, fiktive Geschichten im eigenen Alltag zu imaginieren und im Zuge der Dreharbeiten tatsächlich zu erleben. Dabei waren unter anderem eine Nachtwanderung mit einer Verfolgungsjagd durch Drohnen, eine Schlaf-Jodel-Performance, ein Konzert im Liegen, ein Boxkampf riesiger Eulen und vieles mehr.

Zahlreiche Beteiligte brachten sich und ihre Ideen in das Projekt ein, denn ein Drehbuch gibt es bei irreality.tv nicht. Im Zentrum steht bei den ortsspezifischen und partizipativen Fernsehprojekten die Frage, was passieren sollte oder könnte, wenn das Leben eine Fernsehserie wäre. Über den Sommer wurde die Serie fertig geschnitten und mit Musik von Lukas Kranzelbinder verfeinert. Nach intensiven Dreharbeiten im Mai und Juni feiert die humorvolle Science-Fiction-Dystopie NACHTWACHE des Performance-Fernseh-Kollektivs irreality.tv ihre glamouröse Galapremiere im Stadtkino: Alle Beteiligten werden über den roten Teppich flanieren und gemeinsam mit dem Publikum die Serie im kollektiven Binge Watching begutachten. In Koproduktion mit brut realisierte irreality.tv übrigens in der Spielzeit 2016/17 bereits die vierteilige Serie DER RING DES NIBELUNGENVIERTELS.

3_Das_Dorf.pngNesterval – Das Dorf © Alexandra Thompson

Ein performatives Stadtabenteuer der besonderen Art bietet ab 25. Oktober die Gruppe Nesterval. Schlagwörter dazu: Gesellschaftskritik meets Heimatfilm, Theaterabenteuer, in vino veritas. Nesterval entführen bei Das Dorf auf ein immersives Theaterabenteuer in einen Wiener Heurigen, die Buschenschank Stift St. Peter in Hernals. Hier verstrickt das Performancekollektiv sein Publikum in eine dramatische Hochzeitsgeschichte und remixt feministische Literatur des 19. Jahrhunderts mit österreichischen Heimatfilmen und trostlosem Bergbauern-Realismus. Voller Spiellust können sich die Besucher auf die Suche nach der Magie des Sehnsuchtsorts Heimat begeben und große Fragen nach Fremde, Gewalt, Liebe und Schuld ergründen. 
Bauerstochter Anna-Lisa befindet sich gerade in den Vorbereitungen ihrer Hochzeit mit dem Knecht Johannes, als sie von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Zwei ungebetene Gäste erscheinen im Ort und mit ihnen das Wissen um ein grauenvolles Verbrechen. Die Idylle zerfällt nach und nach, das generationenlange Schweigen bricht in Form von Gewalt und Hass über die Bewohner herein. Und was mit einer Hochzeit enden sollte, beginnt mit einem Leichenschmaus. Wie konnte es soweit kommen? Die Teilnehmer finden sich mitten in der Handlung wieder und werden in der Gruppe ihre eigene Wahrheit suchen. Wollen sie Teil der Gemeinschaft werden oder finden sie sich auf der Seite der Ausgestoßenen und Leibeigenen wieder? Fremdenhass und Selbstverachtung liegen in dem kleinen Dorf abseits der Welt eng beieinander.
Figuren und Handlungselemente basieren auf den Werken der humanistischen Autorin Marie von Ebner-Eschenbach („Krambambuli“, 1885) und der finnischen Autorin und Frauenrechtlerin Minna Canth (1844–1897). Die literarischen Vorlagen aus dem 19. Jahrhundert treffen im Setting des Heimatfilms („Krambambuli“-Verfilmung Ruf der Wälder, 1965 von Franz Antel) aufeinander. In ihrem neuen Abenteuer durchmischen Nesterval Geschlechterrollen sowie Rollenbilder und öffnen den Heimatbegriff für eine pluralistische Gesellschaft. Das Ensemble von Nesterval besteht aus Performern, Drag Artists, Amateur- und Profischauspielern, die in unterschiedlichen Formationen die Geschichte der Familie Nesterval erzählen. In einer Mischung aus klassischen Spielmethoden und immersivem Theater kreieren Herr Finnland und sein Team performative Abenteuer, in denen die Teilnehmer zu handlungsleitenden Mitspielern des Stücks werden. 

brut-wien.at
Saisonstart 11. Oktober

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