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Der freundliche Riese

Never get out of bed! Never go to the window! Never look behind the curtain! Sophie kennt die Regeln, sagt sie sogar im Stillen vor sich her, und kann sich ihrer Neugier schließlich doch nicht erwehren. Und das hat sie nun davon: Wenige Sekunden und eine holprige Reise über Kontinente, Berge und Ozeane später findet sich Sophie in der Höhle ihres Entführers wieder, einem großen freundlichen Riesen mit Segelohren, Hakennase und derart schlaksigen Gliedern, dass sein unriesenhaftes Äußeres bei seinen Artgenossen allenfalls schallendes Gelächter hervorruft. Mehr noch: Weil freundliche Riesen keine kleinen Mädchen fressen, böse Riesen aber dafür umso lieber, hat der BFG, wie man ihn im englischen Original nennt, ein Problem. Und Sophie sowieso, weshalb sich das aufgeweckte Mädchen bald mit dem liebenswerten Hünen verbündet und ihn dazu bewegt, etwas gegen die gefährlichen Riesen zu unternehmen, damit Sophie wieder nach Hause und der BFG endlich ungestört seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann, nämlich den schlafenden Menschen in der Nacht schöne Träume einzuhauchen.

Dass Roald Dahls zeitloser Kinderklassiker in Steven Spielberg einen seiner größten Fans gefunden hat, verwundert zunächst genauso wenig wie die Tatsache, dass der britische Ausnahmedarsteller Mark Rylance nach seiner Oscar-Rolle als Sowjet-Spion Rudolf Abel in Bridge of Spies nun auch den charmanten Riesen mit großem Herzen und gutmütigem Blick mit Bravour meistert. Und trotzdem ist das Ergebnis verblüffend. Drehbuchautorin Melissa Mathison hat dem große Kino-Magier Spielberg nach E.T. erneut eine meisterliche Vorlage für eine ebenso rührende wie universelle Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft geliefert, die der versierte Regisseur mithilfe des bewährten Performance-Capture-Verfahrens, vermischt mit Realfilm und jeder Menger anderer computergenerierter Tricks, in ein bezauberndes, farbenfrohes Fantasieabenteur verwandelt, das trotz der angewandten State-of-the-Art-Technik stets angenehm old-fashioned daherkommt. Darüber hinaus beweist Rylance im Zusamenspiel mit der erfrischend kessen Ruby Barnhill als Sophie und einem bis in die Nebenrollen trefflich besetztem Ensemble einmal mehr, dass er einer – in dem Fall wortwörtlich – größten Schaupieler unser Zeit ist. Spielberg selbst spricht von The BFG als seinem ambitioniertesten Projekt seit Jurassic Park und man würde dem Film durchaus eine ähnliche erfolgreiche Zukunft wünschen. Zu erwarten ist das kaum, da er letztlich wahrscheinlich etwas zu freundlich und unaufdringlich wirkt, um wirklich groß aufzutrumpfen. Aber vielleicht ist das auch gut so. Sein Publikum, ob groß oder klein, wird er trotzdem finden.


BFG – Big Friendly Giant / The BFG
Fantasy, USA 2016 – Regie Steven Spielberg
Drehbuch Melissa Mathison nach dem Roman von Roald Dahl
Kamera Janusz Kaminski Schnitt Michael Kahn Musik John Williams
Production Design Rick Carter Kostüm Joanna Johnston
Mit Mark Rylance, Ruby Barnhill, Rebecca Hall, Penelope Wilton,
Bill Hader, Rafe Spall, Jemaine Clement
Verleih Constantin Film, 115 Minuten
Kinostart 21. Juli 


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