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Chernobyl, October 1998 © 2018 David McMillan

Die Schönheit des Verfalls

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, die sich am 26. April 1986 ereignete, gilt nach wie vor als größtes Reaktorunglück der Geschichte – noch vor dem ebenfalls schweren Störfall von Fukushima knapp 25 Jahre später. Die Schätzungen der Todesfälle durch die freigesetzte Radioaktivität schwanken stark und liegen zwischen 4000 und 60.000; die Zone rund um das Kraftwerk ist nach wie vor Sperrgebiet. Insgesamt mussten 135.000 Menschen evakuiert werden. In Österreich verfolgte man das Unglück aus zwei Gründen besonders intensiv: Einerseits ist die Atom-Skepsis hierzulande sehr hoch (Österreich gehört zu den wenigen europäischen Ländern ohne Atomkraftwerke, die Verhinderung von Zwentendorf per Volksabstimmung im Jahr 1978 gehört zu den größten Erfolgen der Anti-AKW-Bewegung), andererseits war die Alpenrepublik so schwer wie kaum ein anderes Land in Westeuropa von der radioaktiven Umweltkontamination betroffen. Erlegtes Wild etwa muss bis heute auf Strahlenbelastung überprüft werden. 
Und wie das nun einmal so ist bei Unglücken – viele Menschen können nicht wegschauen. Dokumentarfilme, die sich mit der Sperrzone beschäftigen (darunter Nikolaus Geyrhalters Pripyat aus dem Jahr 1999) gibt es bereits jede Menge, und auch der Tourismus dorthin floriert. 
Ein Mann, der seit 1994 21-Mal in die Zone reiste, ist der kanadische Fotograf David McMillan. Die Fotografien des Mannes, der als einer der ersten Künstler Zutritt zum Sperrgebiet erhielt (beim zweiten Besuch brachte er aus Sicherheitsgründen einen Geigerzähler mit), waren bereits in mehreren Ausstellungen zu sehen, nun hat der Steidl Verlag 200 davon im schönen Bildband „Growth and Decay“ versammelt. In diesem Zusammenhang von Schönheit zu sprechen, mag zunächst taktlos klingen, doch kommt man nicht umhin, von der Poesie der Bilder überwältigt zu sein. Wohlgemerkt: Die Bilder sind schön, aber nicht „zu schön“; ihr Reiz ergibt sich aus dem bereits im Titel erwähnten Gegensatz von wild wuchernder Natur und Verfall. 
Der Mensch wurde durch ein von ihm verschuldetes Unglück aus dieser Zone vertrieben, die von ihm geschaffenen Gebäude verkommen im selben Maß, wie Pflanzen- und Tierwelt die Gegend rund um Prypjat zurückerobert. Die Veränderungen zwischen seinen Besuchen seien manchmal derart stark gewesen, dass er manche Orte nicht wiedererkannt habe, so McMillan auf seiner Website. Besonders spannend sind jene Aufnahmen, in denen McMillan politische Symbole aus der Sowjet-Zeit eingefangen hat: dazu gehören Propagandaplakate, rote Sterne oder Porträts von Marx und Engels, an bröckelnden Wänden hängend oder von Unkraut umgeben. Manche Aufnahmen gehen ins Surreale, etwa ein Ruderboot in einer Bahnhofshalle. Die Fotografien funktionieren auf vielen Ebenen, sie erzählen von nutzlos gewordenen Dingen ebenso wie von früher selbstverständlichen Elementen, die nun fehl am Platz scheinen; darüber hinaus schildern sie den Verfall eines politischen Systems und lassen sich als Bebilderung menschlicher Hybris lesen. 
Nicht selten erinnert McMillans Ästhetik an Andrei Tarkowskis Science-Fiction-Meisterwerk Stalker (1979), das ebenfalls in einer „Zone“ spielt, die von Verfall und wild wuchernder Natur geprägt ist – für viele eine Vorwegnahme des Tschernobylunglücks. Ergänzt werden die Fotografien durch einen aufschlussreichen Essay des Kunsthistorikers Claude Baillargeon, der viele Details über McMillans Arbeitsweise und Motivation enthält.

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David McMillan
Growth and Decay. Pripyat and the Chernobyl Exclusion Zone.
Steidl Verlag, Göttingen 2019.
262 Seiten, € 66,90

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