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© Minoru Niizuma, Courtesy Yoko Ono

FAQ-Art

Text: Roland Schöny Fotos: Press

Die Gegenwartskunst als Seismograph aktueller sozialer, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen. Selten kam es zu einer derart dramatischen Nähe zwischen gesellschaftlicher Realität draußen und den Themen im Ausstellungsraum wie auf der Istanbul Biennale. Deren Motto stand bereits fest, bevor die lokale Polizei die Proteste rund um den Ghezi-Park gewaltsam niederschlug. Im Fokus stehen die Auswirkungen von Transformationsprozessen im Stadtraum und Fragen nach Mitbestimmung, nach Teilnahme. „Mom, am I Barbarian?“, lautet die Headline benannt nach einem Buchtitel der türkischen Dichterin Lale Müldür. Das mag rätselhaft klingen, doch waren die Barbaren anfangs nicht jene, die eine andere Sprache hatten als die Herrschenden und deshalb als unzivilisiert und nicht zugehörig galten?

Wem die Stadt gehört, beschäftigt eine Vielzahl kritischer KünstlerInnen: Den 1978 verstorbenen Gordon Matta Clark schon Mitte der 1970er-Jahre. Mit seinen Cuttings, Schnitten mittels Motorsäge durch Fassaden, Decken und Böden von Einfamilienhäusern hat er in New York und New Jersey auf die grassierende Immobilienspekulation aufmerksam gemacht. Seine Fotoarbeiten sind nun Teil der historischen Werke. Währenddessen zeigt Christoph Schäfer eine Serie Zeichnungen, die sich auf eine Solidaritätsaktion mit der Ghezi-Park-Bewegung in Hamburg beziehen. In der Hansestadt hat Partizipation ja funktioniert. Als öffentlich finanzierte Aktivität in den Stadtteilen Altona und St. Pauli, wo leerstehende Grundstücke im Dialog zwischen Bevölkerung und Kunstschaffenden in eine „Park Fiction“ umgewandelt wurden.

Ein heißes Eisen in der Megacity am Bosporus, wo global agierende Spekulanten in den alten Vierteln von Beyoğlu ganze Häuserzeilen aufkaufen, während die Gecekondular, die improvisierten Siedlungen am Stadtrand um 800 bis 1000 Zuwanderer täglich wachsen. Während sich die Biennale bisher vom Museum Istanbul Modern und angrenzenden Lagerhallen in der Hafengegend von Tophane aus in andere Stadtteile wie Eyüp am Goldenen Horn oder Kadiköy auf der asiatischen Seite erstreckte, ließ man die Idee der Ausweitung in leerstehende Gerichtsgebäude, Schulen, Postämter, Lagerhäuser oder Werftanlagen mit Zunahme der Proteste rund um den Taksim Platz wieder fallen. Noch dazu wird die Kunstschau hauptsächlich von der kulturell affinen Koç Holding finanziert, die auch Wissenschafts- und Sozialprojekte unterstützt, neuerdings aber Waffenproduktion zu einem Schlüsselsegment ausgeweitet hat.

Dass Kuratorin Fulya Edemci unter dieser Anspannung die Ausstellung auf eine ehemalige griechische Schule und private Kunsträume in der hochfrequentierten Einkaufmeile İstiklal Caddesi in Beyoğlu sowie die Lagerhalle Antrepo 3 am Bosporus beschränkt hat, ist angesichts der Performance schwerbewaffneter Polizeieinheiten mit bereitstehenden Wasserwerfern verständlich. All dies hat die Künstlerin Ayşe Erkmen auf den Punkt gebracht. Als Abrissbirne, die eigentlich ein grüner Gummiball ist, direkt vor dem Ausstellungsgebäude. Es soll bald abgerissen werden. Erkmens Kunstwerk verweist darauf, bleibt jedoch, was die Kunst eben ist: Zeichen und Symbol. Die realen Verhältnisse funktionieren anders. Erleichternd dann im Kunstraum zu erleben, wie spielerisch – und dennoch mit Ernst – hier die Zwänge aus den Angeln gehoben werden. Es braucht auch diese Qualität anderen Erlebens. Würde die Kunst sich doch nur ausdehnen in den Stadtraum wie diese erfrischenden Biennale im Innenraum!

Neben Klassikern wie dem Briten Guillaume Bijl bringt sie zahlreiche Positionen aus jüngerer Zeit. Darunter Alice Creischer & Andreas Siekmann, Elmgren & Dragset oder Anca Benera & Arnold Estefan aus Bukarest. Ineinander übergreifende Zonen lebendiger Auseinandersetzung. Das Video Wonderland von Halil Altindere beispielsweise taucht in den Roma-Stadtteil Sulukule ein und zeigt, wie sich in dem vom Umbau betroffenem Viertel die Hip-Hop Community als Subkultur in der Subkultur formiert. Mit seiner Skulptur Lamento wiederum – einem offenbar verzweifelten Mann im Anzug – beklagt der mexikanische Künstler Gonzalo Lebrija den Abriss historischer Häuser in Guadalajara.

Dass nicht unbedingt Transparente entrollt werden müssen, um politische Aussagen über die Gegenwart zu formulieren, untermauert auch der aus Porto-Novo in Benin stammende Romuald Hazoumé mit seiner Ausstellung „Beninische Solidarität mit gefährdeten Westlern“ im Kunsthaus Graz. Ohne kämpferische Aggressivität und vielschichtig aufgebaut macht er Kunst zu einem Informationsmedium über ökonomische Zusammenhänge. Nicht ohne Ironie. Hazoumé, der vor allem durch Installationen und Objekte aus farbigen Benzinkanistern, die im täglichen Schwarzhandel zwischen Nigeria und Benin eine Rolle spielen, bekannt ist, überrascht nun mit einer Hilfsaktion. Nein, nicht für notleidende Menschen aus Afrika, sondern für in Not geratene Europäer. Zeit wird es, die Verhältnisse neu zu sehen. Hazoumé arbeitet mit dem Prinzip der Umkehrung, um Stereotypen in Frage zu stellen. Soziale und ökonomische Probleme sollen als globale Fragen erkennbar werden und nicht länger Zuschreibungen bleiben, die zumeist in der nördlichen Hemisphäre in Umlauf gebracht werden.

Von einer anderen Seite her versucht die erste groß angelegte Ausstellung der Kunsthalle Wien unter ihrem künstlerischen Direktor Nikolaus Schaffhausen eine soziale Zustandsbeschreibung. Im „Salon der Angst“ geht es um schwierig zu verbalisierende Gefühle der Verunsicherung. Die psychische Dimension des Schreckens als kalkulierter Effekt ästhetischer Produktion spielt dabei nur eine Rolle unter vielen. Noch mehr bilden kollektive Angstzustände – etwa als Folge der Destabilisierung auf den Finanzmärkten oder von 9/11 das Thema – künstlerischer Arbeiten von Kader Attia, Marina Faust, Rainer Ganahl und Marko Lulić, die speziell für diese Schau konzipiert wurden. Außerdem zu sehen sind Werke von Jeff Wall, Willem de Rooij, Thomas Hirschhorn oder Peter Fischli / David Weiss.

Yoko Ono hingegen trat stets dafür ein, die Angst zu bekämpfen. Nur allzu leicht werden Ängste instrumentalisiert, um repressive Verhältnisse aufrecht zu erhalten. Yoko Onos epochales Œuvre allerdings steht immer noch zu sehr im Schatten ihrer Persönlichkeit und ihrer Beziehung zu John Lennon. Umso mehr ist es an der Zeit ihr Werk in einer umfassenden Retrospektive zu durchmessen. Nicht nur die Rock-Bühne Pop revolutionierte sie und definierte im Dialog mit John Cage Sound neu. Sie begann Kunst vor allem als Partitur zu denken, was den Weg in Richtung Performance und politisch aktivistischer Kunst ebnete. Nun macht Yoko Onos breit rezipierte Retrospektive „Half A Wind-Show“ in der Kunsthalle Krems Station.

 

13. Istanbul Biennale
bis 20. Oktober

Romuald Hazoume. Beninische Solidarität mit gefährdeten Westlern

bis 12 Jänner 2014
Kunsthaus Graz, Space01
Lendkai 1, 8020 Graz
www.museum-joanneum.at

Salon der Angst
bis 12. Jänner 2014
Kunsthalle Wien
Museumsplatz 1, 1070 Wien
Karlsplatz, 1010 Wien
www.kunsthallewien.at

YOKO ONO
Half A Wind-Show. Eine Retrospektive
Kunsthalle Krems 20. Oktober - 23. Februar 2014
www.kunsthalle.at

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