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© Christophe Agou

FAQ Music

Text: Stefan Koroschetz Fotos:

Fast genau zwei Jahre nach „Falling Down A Mountain“ (2010) wird mit „The Something Rain“ (Lucky Dog/City Slang) konsequent fortgesetzt und zu voller Blüte gebracht, was dort mehr angedeutet als exekutiert wurde: Saxofone und andere Tröten ersetzen fast zur Gänze die opulenten Streicher. Das betont die Stimmung von verrauchten Hinterzimmern, in denen Männerrunden mit aufgekrempelten Ärmeln pokern und Hochprozentiges gurgeln. Der Einstieg in „The Something Rain“ mit dem gesprochenen „Chocolate“ gestaltet sich noch eher langatmig, dafür gibt’s danach praktisch keine Aussetzer mehr. In „Show Me Everything“ geht es mit schwer hallender Gitarre, spitzer Frauenstimme im Background und vorerst mal maximal Midtempo Richtung Betriebstemperatur. Stuart Staples‘ knödelnde Vibrato-Stimme, die am schmalen Grat zwischen Schmalz und Schmelz immer sicher navigiert, duelliert sich im folgenden „This Fire Of Autumn“ mit einem Frauenchor, was zum klaren Hit des Albums wird; ein Stück bei dem einfach alles stimmt. Es hat schon Klasse, wie punktgenau über das gesamte Album die Bläser bratzen, besonders im atmosphärisch dichten, spooky „Frozen“ mit dem Echo auf der Stimme des Schmerzensmannes. Zum Glück konnte die endgültige Auflösung dieses dunklen Romantiker-Quintetts vor rund zehn Jahren abgewendet werden.

Mit Gesang des Nuschelprinzen Staples beginnt auch „Wish I Was Here“ (Sonar Kollektiv) der Berliner Micatone. Dieser wurde nämlich für einen Vocalpart im Eröffnungsstück „Handbrake“ zur Veredelung der Produktion eingeladen. Dabei hätte es diesen Starauftritt gar nicht gebraucht, ist doch schon die Vokalpräsenz der Halb-Iranerin Lisa Bassenge beeindruckend genug. Sieben Jahre hat sich das Micatone, das einstige Live-Aushängeschild aus dem Jazzanova-Umfeld für WIWH Zeit gelassen, dafür wird mit hochkarätigen Gästen das große Besteck ausgefahren: Neben Staples sind das Martin Wenk (Nada Surf, Calexico) und Earl Harvin (Livetrommel für Air). In Summe ergibt das eine warme, entspannte Mixtur aus Jazz, Soul, Chanson, Blaxploitation, Surfsounds und Blues die so gar nicht in eine digitalisierte Welt zu passen scheint. Wenn auch die hervorragende Stimme Bassenges‘, die an Linda Lewis und ein wenig an Billie Holliday angelehnt ist, über Albumlänge too much werden kann, hat Micatone bereits jetzt den perfekten Soundtrack für den wochenendlichen Bobo-Catwalk am Naschmarkt für diesen Frühling/Sommer vorgelegt.

Als BretonLABS war das Quintett Breton aus der Hausbesetzer-Community um Roman Rappak bereits als Remixtruppe, unter anderen für Tricky, aktiv. Nachdem sich die zunächst Avantgardefilme produzierende Gruppe erst 2010 formiert hat ist anzunehmen, dass es sich um eine manisch produzierende Gang handelt. Nach der Free-Download EP „Counter Balance“(Helmlock) erscheint das Debütalbum „Other People’s Problems“ (OPP) bei FatCat, wo auch Sigur Ros und Animal Collective beheimatet sind. Und um den komplexen, warmen Elektrosound von OPP standesgerecht aufnehmen zu können wurde Breton nach Island ins Vintage-Studio von Sigur Ros geschickt. Das Ergebnis ist beglückend und klingt nach De- bzw. Rekonstruktion Song/Track-Elementen, die durch den Brenton’schen Soundhäxler gejagt werden, um als etwas andere Elektropophymnen (in der Traditionslinie von Leftfield stehend) wieder herauszusprudeln. Im Resultat finden sich dann träge Kiffer-HipHop-Beats genauso wie flirrende, dadaeske Elektronikfächen. Dazu eine am überdrehten New Wave-Gesang orientierte, oft gedubbte Stimme, die wunderbare, warme Melodien singt. Die Streicher steuerte der einschlägig bekannte Düsseldorfer Komponist Hauschka bei, Thomas Hein (These New Puritans) und Senior-HipHoper Harry Love übernehmen das Mixing für drei Songs. Im Kopfhörer funktioniert dieser Hot Shit exzellent. Noch besser könnte es – schon wegen der Visuals - höchstens live werden.

Auf einer gänzlich anderen Baustelle arbeiten die Artists des Jeffrey Lee Pierce Sessions Projects mit „The Journey Is Long“ (Glitterhouse/Hoanzl). 2009 war mit „We Are Only Riders“ der erste Teil dieses Jeffrey Lee Pierce (JLP)-Gedenkprojekts erschienen, in dem Resteverwertung (um nicht zu sagen Leichenfledderei) aus dem Werk des 1996 erst 37-jährig verstorbenen Gun Club-Vorstandes betrieben wird. Nicht mehr finalisierte Text- und Instrumentalteile der Toxic-Blues-Legende werden von den originalen Aufnahmen in die Stücke eingebaut (der Geist aus der Maschine!) die nun von den üblichen Verdächtigen interpretiert werden. Da ist einmal die australische Bad Seeds-Blase mit Nick Cave, Mick Harvey, Hugo Race, Warren Ellis und Barry Adamson ganz schön überrepräsentiert. Deborah Harry gibt ein Duett mit Cave, wie Lydia Lunch mit Tex Perkins und Isobel Campbell mit „Autopilot“ Mark Lanegan. JLPs alter Haberer Cypress Groove ist wieder dabei und sogar der ewige Exzentriker Tav Falco mit seinen Panther Burns hat sich eingestellt. Dieser liefert auch mit „The Jungle Book“ (neben The Jim Jones Revue mit „Aint My Problem Baby“) noch den interessantesten Beitrag. Ansonsten wird genau das Erwartete abgeliefert, perfekte Routinearbeit eben, und das kann schön ziemlich öd werden. Es fehlt eben Ramblin’Jeffrey Lee! Ein dritter Teil der Sessions ist schon angedroht, es kann nur aufwärts gehen.

Noch quitschlebendig sind die leisen, nicht mehr ganz jungen Herren von den holländischen Nits, die mit „Malpensa“ (Global Records/Roughtrade/GoodToGo) ihr 25. Album (!) veröffentlichen. Das atmosphärische Werk wurde über einen längeren Zeitraum unter anderem im italienischen Piemont aufgenommen und transportiert Eindrücke der reisefreudigen Band vom ägyptischen Thahir-Platz ebenso wie aus New York, Bern, Berlin und Köln. Zum 40-jährigen Bandjubiläum legen die Nits ein würdiges, feinsinniges und intelligentes Opus vor.


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