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FAQ28 Music Selection

Ausgerechnet Neil Young, der an einem Player und einer Download-Plattform namens Pono arbeitet, die Musik in der höchsten digitalen Soundqualität anbieten will, nimmt mit A Letter Home ein Album in einem Voice-O-Graphen aus 1947 auf. Jack White hat nämlich so ein telefonzellengroßes Teil zu Hause, mit dem direkt vom Mikro auf Vinyl gepresst wird. Ursprünglich waren diese Mini-Studios dafür gedacht, mehr oder minder Wichtiges für die Liebsten zuhause aufzunehmen. Eher schon im Himmel zuhause sind Youngs Eltern, denen er zum Einstieg eine rührende Nachricht ins Jenseits schickt. Die folgenden elf Songs sind ausschließlich Coverversionen von amerikanischen Klassikern, die für den Kanadier von größter Bedeutung waren/sind. Songs von Bob Dylan, Phil Ochs, Bert Jansch, Gordon Lightfoot, Willie Nelson und Anderen werden im Voice-O-Graphen einer gnadenlosen Lowest-Fi-Radikalbehandlung unterzogen. Das klingt gewagt grottig, aber mehr Authentizität ist kaum möglich. Gordon Lightfoots „Early Morning Rain“ ist ein Höhepunkt im von Jack White an den Tasten und mit Gesang in „ I Wonder If  I Care As Much“ (Everly Brothers) unterstützen Liedzyklus. Ein „historisches Kunstprojekt“ (Young), das nachdenklich stimmt.

Das totale Gegenteil von Youngs Album ist Asiatisch von Fatima Al Qadiri. Die auch als Konzeptkünstlerin hochaktive, im Senegal geborene und in Kuwait aufgewachsene 32-jährige, die aktuell in Brooklyn lebt, liefert mit ihrem Debüt auf Albumlänge ein Dorado für Popologen. In diesem unzureichend als Sinogrime bezeichneten Genre montiert die studierte Linguistin vermeintlich Asiatisches zu einem Popentwurf am Puls der Zeit, der Verwirrung stiften kann. Was bitte soll ein „Nothing Compares To You“ - Cover (gesungen von Helen Feng) mit Namen „Shanzai“ auf Mandarin? „Shanzai“ bezeichnet die Imitation von westlicher Popkultur und Kommerz. „Shanzai“ ist auch der konzeptionelle Überbau von Asiatisch. Höchst artifiziell setzt Al Qadiri Versatzstücke und Melodien, die man im Westen für chinesisch halten könnte. Dazu gibt’s eine Melange aus Bassmusik, Grime, Garage, verfremdeten Stimmen und Chorälen, bei der sich das Etikett Hauntology geradezu aufdrängt. Es spukt und geistert nämlich gewaltig in den zehn Rekontextualisierungs-Tracks, was auch als Warnung vor der aufstrebenden Weltmacht China gelesen werden kann. Die digitalen Panflöten und Steeldrums sind dann aber doch zu viel des Guten. Insgesamt jedoch ist Asiatisch ein hochinteressanter Hybrid für die Hipster-Disco.

Nicht unbedingt der totale Hipster-Stoff ist Ultraviolence, Lana Del Reys’ schwieriger Zweitling. Fast dezent ist die Promotion diesmal gelaufen, immerhin ist Lana bereits eine starke eingeführte Marke. Damit die Konsolidierung gelingt, hat sich die Schmachtlippe Dan Auerbach, eine Hälfte der Black Keys, als Produzenten geholt. Mithilfe einer am Jazz geschulten Band gelang es Auerbach, dem Vintage-Cinemascope-Sound mehr Lebendigkeit zu geben, soweit das durchgehende Schneckentempo dies ermöglicht. Es ist besonders das prägnante Gitarrenspiel Auerbachs, das in seiner Beiläufigkeit wunderbare Akzente setzt. Dabei wird in der Grundstimmung wieder mal auf das unheimliche Universum des David Lynch zurückgegriffen, der sich im Altenteil auch noch zu einem respektablen Blue-sänger gemausert hat. Auf  der inhaltlichen Ebene hat die weibliche Ausgabe von Chris Isaac die Schmerzensfrau  in sich entdeckt, und für den Titelsong gleich die griffige Zeile „He Hit Me And It Felt Like A Kiss“ vom gleichnamigen Hit der Crystals geborgt. Feministinnen werden sich über diesen (künstlerischen) Backlash freuen! „Sad Girl“ und „Pretty When You Cry“ sind weitere schmerzhafte Taschendramen. Dabei wird so gut wie kein einziges Klischee der gefallen(d)en Diva umschifft. In voller Länge genossen kann sich Ultraviolence ziehen, in kleineren Häppchen gereicht ist es durchaus vergnüglich.

Viel dezenter ist Diamond Mine vom schottischen Singer/Songwriter King Creosote und dem englischen Electroniker Jon Hopkins geworden. Ursprünglich nur gut eine halbe Stunde lang, gibt es diesen Diamanten nun auch in der erweiterten Special-Edition mit B-Sides und Zurückgehaltenem. Die warme Stimme des Folkies King Creosote erzeugt, kombiniert mit allerlei Fieldrecordings von Jon Hopkins, eine beeindruckende Nähe, der man sich ohne Ablenkungen hingeben sollte. Hinter Akustikgitarre, Akkordeon oder Banjo tut sich ein unaufdringliches Universum an Sounds auf, das die Grundierung liefert und Diamond Mine zu einer ständigen akustischen Entdeckungsreise macht. Hilfreich dabei ist die so unzeitgemäße Langsamkeit und Zerbrechlichkeit mit der Creosote seine Silben zelebriert, ganz besonders in „Honest Words“ und „Your Young Voice“, die in diesem Strauß an leisen Besonderheiten den direktesten Weg Richtung Herz und Gänsehaut finden.

Wenn Creosote/Hopkins den Ohren umschmeicheln, treten die Swans mit To Be Kind  an, um diese im Stakkato blutig zu schlagen. Wie eine Provokation liest sich der freundliche Titel, bei dem was hier auf Einen niederprasselt. Die seit der Reunion 2010 recht produktive Truppe klotzt mit 120 Minuten heftigstem Soundgewitter, das sich nicht zur Hintergrundbeschallung eignet. Wie im nicht eben leicht verdaulichen The Seer (2012) hat To Be Kind mit „Sun Toussaints“ ein mehr als halbstündiges Soundungetüm dabei, das von Ambient über Kakophonie bis zu schmerzhaft aufgetürmtem Noise Jazz und Feedbackkreischen viel abverlangt. Nein, es ist keine schöne Welt, die Michael Gira besingt, wobei bebrüllt hier passender ist. In „Just A Little Boy“ etwa hört man immer wieder verhöhnendes Gelächter, das auf grauenhafte Art nicht und nicht verstummen will. Als Gäste sind diesmal St. Vincent und Al Spx dabei, die diesen Soundtrack zum stilvollen Suizid gekonnt bereichern. Ein echt harter Brocken.

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