article_699_00_elementofcrime_580x396.png

FAQ29 Music Selection

Chroma, das vierte Album des 29-jährigen Briten Eugene McGuinness, beginnt gleich nassforsch mit einem nur minimal veränderten Beatles-Riff, und man täuscht sich nicht, wenn man daraus Schlüsse für das ganze Album zieht. Zugunsten eines rocklastigen Ansatzes hat sich McGuinness (leider) von der scheinbaren Macht der lauten Gitarre verleiten lassen, und die guten Ansätze von Neo-Folk und Indiepop seiner früheren Platten eingemottet. Geklaut wird, wo es nur geht, aber wer macht das heute nicht? Eine Prise Psychodelic, satte Riffs von der Klampfe, mehrstimmiger Gesang, Streicher, Tasten, alles in mittlerem Tempo gehalten, und fertig. Nicht dass das total schlecht wäre, „Immortals“, „Black Stang“, oder „Godiva“ sind schon passable Songs, nur eben überladen, und was fast das größere Problem ist: Chroma klingt, als wäre es in den Sixties oder Seventies aufgenommen worden, oder wie eine Kreuzung aller The-Bands aus den letzten 20 Jahren. Also alles schon zur Genüge gehört, und um sich abzuheben, fehlt ihm die markante Stimme. Wenn sich mit dem atmosphärischen „Fairlight“ der Einheitsbrei ändert, ist das Album auch schon aus.

Auf Reduktion setzt die dänische Singer/Songwriterin Tina Dico mit Whispers. Waren die vorangegangenen Alben der Chartstürmerin noch Folkpop, ist sie mit den Stücken von Whispers bei Folk /Akustikpop angelangt. Was auch daran liegt, dass fünf der zehn Songs für den Soundtrack zum Film End du elsker (engl.: Someone You Love) geschrieben worden sind, der bei der letzten Berlinale gelaufen ist. Mit einnehmender, nuancenreicher Stimme singt sich die produktive 28-jährige durch die spartanisch instrumentieren Stücke (Gitarre, Backgroundchor, Keyboards, Drums dezent), die durchgängig in Dunkelgrau gehalten sind. Thematisch wird Zwischenmenschliches abgehandelt, am eindringlichsten gelingt das im Titelsong, in „Old Friends“ oder „Someone To Love“. Es ist 2014 fast schon gewagt etwas so Leises zu veröffentlichen, das maximale Aufmerksamkeit verlangt.

Für die ganz leisen Töne war er ja nie: Steven Patrick Morrissey, der, besonders wenn er nicht auf der Bühne steht, mit verhaltensauffälligen Ansagen von sich reden macht. Mit Word Peace is None Of Your Business meldet sich der Hardcore-Vegetarier nach fünf Jahren zurück und erfreut mit einem vielschichtigen, nuancenreichen Wurf. Nicht mehr so kraftlackelhaft sondern beinahe mediterran klingen Pophymnen wie „Istanbul“ oder „Mountjoy“, die textlich trotzdem sehr bissig sind. In „I’m Not A Man“ distanziert sich die Diva von allen erdenklichen männlichen Zuschreibungen und ist vielleicht der erste, der Prostatakrebs in einen Popsong packt. „The Bullfighter Dies“ imaginiert einen Stierkampf, in dem mal nicht der Stier unterliegt, und der Misanthrop läuft dabei textlich zur Hochform auf. „Earth Is The Loneliest Planet Of All“ singt Morrissey an anderer Stelle mit dieser grandiosen Velourstimme, die noch immer Gänsehaut erzeugen kann. Lang lebe dieser Stachel im Fleisch des Musikbusiness.

Ein Stachel der etwas anderen Art ist Sven Regener mit seiner Band Element of Crime (EOC). Ihm ist die Kost-Nix-Mentalität im Web ein Dorn im Auge, was ihn zu einer medienwirksamen Wutrede veranlasste. Die Lage hat sich wieder beruhigt, und EOC veröffentlichen nach fünf Jahren Pause Lieblingsfarben und Tiere (LUT), ihr 14. Studioalbum. Und es ist alles wie gehabt, was bei EOC nur Gutes bedeutet. Anderen Acts wird in solchen Fällen gern Stillstand oder More of the same vorgeworfen, doch von AC/DC erwartet auch niemand ein Techno-Album. EOC sind da eher wie ein alter Freund, von dem man will, dass er so bleibt wie er ist, weil es so gut mit ihm klappt. Regener knödelt sich wieder mit kehliger Stimme durch Alltagspoesie: „Die Treppe zum Keller, die Du hinunterfielst. Die Blumen vom Spar, die Du in den Händen hieltst. Schade, dass ich das nicht war“, etwa im flotten „Schade“. Das deutsche Chanson infiziert vom Rock 'n' Roll, der sich auch mal Richtung Country lehnt, veredelt von Regeners Trompete. LUT ist, wie alle EOC-Platten, die perfekte Beschallung für das fünfte letzte Bier, bevor man alleine nach Hause wankt. Macht aber nix, die Liebe ist eh kälter als der Tod (Songtitel), wie man spätestens seit R. W. Fassbinder weiß.

Ein ganz Abgeklärter ist auch Friedrich Lichtenstein, der mit dem Song „Supergeil“ für eine deutsche Supermarktkette Anfang des Jahres zum Webphänomen avancierte und im Sommer mit Bad Gastein (BG) eines DER Sommeralben vorlegte. Dafür tat sich der Ex-Marionettentheaterbetreiber mit dem Berliner Produzentenduo von Heavylistening zusammen, das ihm einen Sound changierend zwischen Trash, Glamour, Schlager, Elektropop und Chanson auf den Leib programmierte, der kombiniert mit dem Artwork (Caspar David Friedrich!) und der thematischen Anbindung an das morbide Ambiente des langsam verfallenden, mondänen Salzburger Kurorts ein opulentes Opus ergibt. Das Gesamtkunstwerk Lichtenstein tritt im visuellen Part des Konzepts mit Rauschebart, goldenen Fingernägeln, Spiegelbrillen, im Bademantel auf und singt bzw. rezitiert mehrsprachig mit tiefer Brummstimme Dadaistisches („Goldberg & Hirsch“), Sehnsuchtsvolles („Badeschloss“) und Beatlastigeres („Elevator Girl“). Er zitiert Falco und Hermann Melvilles Totalverweigerer Bartleby oder sinniert über Belgien. Ein singuläres, glamouröses Projekt.

Weniger glamourös, dafür souly und funky Songwriting ist Mean Love (ML), von Sinkane. Mit dem Vorläufer Mars war die Band um Frontmann Ahmed Gallab noch orthodoxer Soul/Funk, mit ML orientiert sich Sinkane in Richtung Mainstream. Verfeinerung steht an, wobei der Soul die Schiene für eine sanfte Achterbahnfahrt mit den Passagieren Reggae, Afrobeat, Pop, Dub, Funk und sogar Country bleibt. Der Gesang des Kosmopoliten schraubt sich dazu in raffinierten Melodien in ungeahnte Höhen, und doch bleibt der Nachgeschmack, dass ML bei aller Perfektion und Kreativität etwas von L’art pour l’art mit einem Defizit an Dringlichkeit für Wellness-Oasen anhaftet. Einer Lilie als Relax-Empfehlung sollte nichts im Wege stehen. 

 

Tags: