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Yo La Tengo (Matador/Domino)

FAQ34 Music Selection

Sie treffen aktuell einen Nerv: die Mittzwanzigerinnen Daniela Reis und Fritzi Ernst von Schnipo Schranke reüssieren mit deftigen Texten an der Geschmacksschranke und schlank instrumentierten Singalongs. Der Song „Pisse“, erstmals 2014 aufgenommen, bekam wegen eines pinkelnden Penis YouTube-Verbot, womit das Interesse weiter angeheizt wurde. „Du hast mir gezeigt, dass es egal ist, wenn man liebt / Schmeckt der Kopf nach Füße und der Genitalbereich nach Pisse“ ist eine Zeile, die in bester Charlotte-Roche-Tradition immer noch ein kleiner Aufreger ist, und die die zentrale Wichtigkeit der unvernünftigen Liebe bei Schnipo Schranke andeutet. Von Keyboards, Schlagzeug und Cello grundiert wirken die beiden mit ihren Avant-Chansons teils wie die etwas ungepflegte Slackerversion der Dresden Dolls. Die zweite Single des Albums Satt, „Cluburlaub“, lenkt mit irreführender Kinderliedmelodie den Fokus weg vom Unterleib in Richtung dekadentem Kontrollverlust mit Dauersuff und Rudelfick im All-Inclusive-Club in Panama, begleitet von einem ultrakomischen No-Budget-Video. Neben den Ohrwurmmelodien sind es spätpubertäre Signalworte wie dichtes Sackhaar oder angezündete Fürze, die eine Komik des trashigen Scheiterns etablieren. Nicht unbedingt ladylike, aber unterhaltsam.

Etwas länger im Geschäft ist die geheimnisvolle Kalifornierin Julia Holter. Mit ihren bisherigen drei Alben war sie für ein großes Publikum zu sperrig, das könnte sich mit Have You In My Wilderness aber ändern. Bezugnahmen auf Autorinnen und Autoren wie Frank O’Hara, Colette oder Virginia Woolf gibt es keine mehr, es wird also Holter pur gegeben. Die Eingängigkeit beginnt schon beim schmissigen „Feel You“ mit Streichergrandezza, eckigen Drums und verhallter Stimme. Düster-balladesk wird es in „How Long“, das große Fragen an ein imaginäres Gegenüber stellt in einem Sound, der wunde Seelen streichelt. In diesen zurückgenommen Songs klingt Holter ein wenig wie Stina Nordenstam, die ausgelasseneren Momente rücken sie in Nähe von Kate Bush. Man könnte Holter unterstellen, sie würde gern mehr Platten verkaufen, doch diese wunderbaren, intimen Songs sind über jeden Verdacht erhaben. Astrein und aalglatt ist hier nämlich gar nichts, Fipsen, Knirschen und Knarzen bilden immer wieder einen nicht eben samtenen Untergrund. Manchmal, etwa in „Night Song“, hat man das Gefühl, Julia würde einem direkt ins Ohr singen, und es gelingt nicht vielen, eine solche Nähe unpeinlich herzustellen.

Die Frauenquote für diese Seiten wäre hiermit mehr als erfüllt, doch auch die Band fürs Leben, die seit über 30 Jahren bestehenden Yo La Tengo (YLT) aus Hoboken, haben eine Frau als maßgebliches Mitglied: Georgia Hubley, die mit Ira Kaplan und James McNew YLT bildet. Mit Stuff Like That There schließt die Band konzeptionell an ihr Album Fakebook von 1995. Also auch 25 Jahre später wieder viele Covers und Eigencovers plus ein paar neue Stücke von der herzerwärmenden Truppe. Als Nebensensation komplettiert Dave Schramm als E-Guitarrero das Trio wieder zum Fakebook-Quartett. YLT sind heute eine Art sicherer, wertkonservativer Hafen, der ein Stück Stabilität in unsere fragmentierten Post-Alles-mögliche-Existenzen bringt. Die bekanntesten – gegen den Strich gebürsteten – Aneignungen sind Hank Williams‘ „I’m So Lonesome I Could Cry“ und ein tatsächlich einen neuen Song erschaffendes „Friday I’m In Love“ von The Cure. Eine Platte auch für weltoffene ÖVP-Wähler, die Andreas Gabalier nicht mehr so gut finden. Ohne Ironie.

Dem Elend der Ironie (J. Purdy) konnten sie auch nie etwas abgewinnen: Die Schmerzensmänner der Klagenfurter Naked Lunch. Das Klagen steckt bereits im Herkunftsort, und dieses kultivieren Naked Lunch seit 25 Jahren auf durchwegs hohem Niveau. Nachdem sie in den 1990ern dem internationalen Ruhm stilsicher von der Schippe gesprungen waren, erschien das fast vergessene Trio Welter, Zamernik und Deisenberger 2004 mit dem verblüffenden Songs For The Exhausted wieder am Pophorizont und veröffentlicht seitdem in größeren Abständen wunderbare, zwischen Manie und Depression pendelnde Platten. Mit The Singles Collection erscheint nun eine Werkschau mit 20 Songs, die von „Closed Today“ bis zu „The Sun“ die relevantesten Stücke aus ihrem Back-Katalog enthält, als Bonus gibt’s die die neue Single „Weeping Dog Schluss“. Wer sich in komprimierter Form einen Einstieg ins imposante Werk dieser Sturschädln verschaffen will sollte sich dieses Teil zulegen.

Der Schmerz regiert auch bei Lou Barlow. Dieser hat eine schmerzhafte Scheidung hinter sich und unternimmt nach Defend Yourself (2013) mit Sebadoh mit seinem dritten unter eigenem Namen erscheinenden Soloalbum einen weiteren künstlerischen Schmerzverarbeitungsversuch. Die Perspektive ist aber eine, die ernüchtert zurückschaut und dabei den Blick auch nach vorne richtet. Im Quasi-Titelsong „Wave“ kulminiert die retrospektive Verzweiflung in der Zeile „I’ll leave you alone/ but don’t go!“ Keine wirkliche Gute-Laune-Mucke also von Lou, hat er aber eh noch nie gemacht. Wie immer bei Soloaufnahmen sind die Stücke Lowest-Fi, mit einer, maximal zwei Gitarren und minimaler Elektronik wie im flotten „Boundaries“. Am stärksten berühren aber die spartanischen Songs wie „Pulse“ mit ins Ohr kriechenden Melodien. Brace The Wave ist eine schonungslose Konfrontationstherapie, die Phasen der Erholung bis zum nächsten Hören braucht.

Für mentales Aufpäppeln eignet sich das Album Quaranta vom Weltmusik-Kollektiv Canzoniere Grecano Salentino (CGS) aus Apulien. Das seit 40 Jahren bestehende Ensemble ist das am längsten aktive im Bereich der traditionellen italienischen Musik. CGS popularisiert die Pizzica-Musik der Halbinsel Salento und beamt das Jahrhunderte alte Ritual des Pizzica Taranta (musikalische Heilung von einem Schlangenbiss) in die Gegenwart. Das Resultat ist ein kraftvoller, elektrifizierender Wirbelwind mit hymnischen Melodien, wechselnden Gesangsstimmen, und packenden Rhythmen. Als prominenter Gast dabei ist Grandseigneur Ludovico Einaudi. 

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