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Animal Collective © Hisham Akira Bharoocha & Abby Portner

FAQ36 Music Selection

Das nächste Album der Tindersticks wird auf dieser Seite ignoriert werden. Es könnte der Eindruck von Bevorzugung entstehen, wenn jede Veröffentlichung hier abgefeiert wird. The Waiting Room (TWR), das aktuelle Opus der Briten kann nicht übersprungen werden, dafür ist es zu gut. Neben ihren üblichen Qualitäten setzten diese Fürsten der Dunkelheit auch auf zackige, von Julien Siegel arrangierte Bläsersätze, die sich auch in Blaxploitation-Movies nicht verstecken müssten. Am markantesten aber ist Stuart Staples’ Nuschelgesang mit einem Bariton, für den sich mancher eine Hand abhacken ließe. Ein Andenken setzt Staples der 2010 an Brustkrebs verstorbenen Sängerin Lhasa de Sela mit dem grandiosen Duett „Hey Lucinda“ und mit Jehnny Beth von Savages interpretiert er das dramatische „We Are Dreamers“. Spätestens seit den Soundtracks zu Filmen von Claire Denis ist die Band auch für ihre Liebe zum Visuellen bekannt, was dazu führte, dass alle elf Stücke von TWR mit Kurzfilmen von diversen Regisseuren bedacht wurden. Ein Versiegen der Inspira-tionsquelle(n) der Tindersticks ist zum Glück nicht in Sicht.

An Inspiration hat es auch Animal Collective nie gemangelt, wenn die Band in ihrem Werk auch zu ausfransenden Experimenten neigt(e). Nach dem Abgang von Deakin zielt das zum Trio geschrumpfte Kollektiv mit zwölf bunt schimmernden Stücken auf potenzielle Hörerschaft. Als Statement zu werten ist, dass Painting With in den Eastwest-Studios in Hollywood aufgenommen wurde, in dem schon Brian Wilson an seinen Großtaten tüftelte. Für AC-Verhältnisse ist das Album fast eine Schlagerrevue, was ihre Fanbase vergrößern könnte. Um die Frische der Songs zu erhalten, wurde darauf verzichtet, die Songs live zu testen. Frisch geht es auch zum Einstieg mit „Flori-Dada“ (100 Jahre Dadaismus!) zur Sache, das in seiner Harmonik streng an die Beach Boys erinnert. Im dazugehörigen, extrem bunten Animations-Video werden Menschen, die an photosensitiver Epilepsie leiden, davor gewarnt, sich den Kurzfilm anzusehen. Gewisse Kantigkeiten ließ sich die Band trotz großen Popappeals aber nicht austreiben, etwa dass „Spilling Guts“ nach zwei Minuten einfach abreißt, oder dass „Natural Selection“ doch gewaltig durchknallt. Das Summen auf „Hocus Pocus“ stammt übrigens von Animal-Collective-Fan John Cale, man hätte es nicht erkannt.

Mehr oder minder klar zu erkennen ist Cale auf seinem aktuellen Album M:FANS, der Re-Interpretation seines schwierigen Klassikers Music For A New Society von 1982. Der Tod von Lou Reed soll Anlass gewesen sein, altes Material zu sichten, was Cale wiederum zu M:FANS inspiriert haben soll. Wer das Original liebt, könnte mit der Neueinspielung hadern. Der Defätismus der 82er-Version wird fast gänzlich elektronisch wegpoliert, etwa im Klassiker „(I Keep A) Close Watch“, der nur noch „Close Watch“ heißt, und Autotune als zweiten Vornamen führt. Immerhin pappte Cale das von seiner Mutter in einem mitgeschnittenen Telefonat gesungene walisische Volkslied „Ar Lan y Mor“ an den Anfang von M:FANS, das mit einem Outtake von „Thoughtless Kind“ von 1982 am Ende eine Klammer bildet. Das stille „Santies“ verwandelt sich zu „Sanctus“, und wird als Technotrack wiedergeboren. Wie auch immer man zu M:FANS stehen mag: Der tiefere Sinn hinter diesem Projekt kann nur vermutet werden.

Eindeutigen Bezug auf ein bereits erschienenes Werk gibt es auch bei Universalkünstlerin Yoko Ono. Yes, I’m a Witch Too bezieht sich auf das 2007er-Album Yes, I’m a Witch, auf dem Cracks wie die Flaming Lips, Antony, Le Tigre, Apples in Stereo oder Cat Power sich älteren Ono-Stücken in Form von Remixes annahmen, in denen aber immer wieder Onos Original-Vocals auftauchen. Inzwischen ist Yoko schlanke 83 Jahre alt und möchte indirekt noch mal richtig am Watschenbaum rütteln. Verwurstet wird etwa der Beinaheklassiker „Move On Fast“ eindrucksvoll von Jack Douglas, Ciba Matto knöpft sich „Yes I’m Your Angel“ vor, und Moby schnitzt infernalischen Techno in „Hell In Paradise“. Einen Höhepunkt bildet das bereits mehrfach bearbeitete „Give Me Something“ aus der Soundküche der singulären Sparks. Nicht übel machen ihren Job auch Peter, Bjorn and John, die „Mrs. Lennon“ – im Original recht düster – atmosphärisch in Richtung Spagetti-Western umdeuten.

Nach unzähligen Kooperationen in den Bereichen Volkslied, Freejazz, Neuer Musik, Avantgarde, Noise Rock etc. legt die in Slowenien geborene, schon lange in Wien lebende Maja Osojnik ihr Solodebüt vor. Hinter Let Them Grow steht die Idee, extrem verfremdete Sounds lose mit dem Grundgerüst von Songs zu verbinden. Das ist dem in mehrjähriger Tüftelei im stillen Kämmerlein entstandenen Album nur bedingt gelungen. Aber wer Osojniks Arbeiten kennt, rechnete ohnehin nicht mit lieblichem Songwriterstoff. Vielmehr gibt es teils recht schroffe, in kurzen Abständen repetitive Soundscapes und akustischen Abfall aus der strengen Kammer, was einerseits düster ist, anderseits aber wieder beinahe sakrale Schönheit und Sehnsucht ausstrahlt. Passagen zum Mitträllern wird man in den englischen Gesangspassagen kaum finden. Mit nebenbei laufen lassen ist es bei Let Them Grow nicht getan. Man sollte tief eintauchen in diesen fast 70 Minuten dauernden Brocken, der auf der Textebene die ewigen Mysterien des Weges vom Ich zum Du und zurück (der mindestens so kompliziert ist wie diese Kompositionen) verhandelt. So kann Seelenstriptease abstrakt-fragmentarisch in Klang gegossen werden.

Sounds zum Träumen der konventionelleren Art macht das junge österreichische Trio Pilot Jr. auf Kitty Hawk. Nämlich ausgeschlafenen Dream Pop, den sie bereits 2014 beim Wiener Popfest und dem Waves-Festival präsentierten. Pilot Jr.’s musikalischer Zugang ist zwar nicht megaoriginell, dafür macht die Band um den Toningenieur und Absolventen der deutschen Pop Akademie München, Philip Waldenberger, was sie macht, verdammt gut. Raffiniert wird hier Sound auf Sound geschichtet, ohne dass das Klangbild verwaschen und intransparent daherkommt, schwebende Synth-Flächen paaren sich mit hymnischem Chorgesang. Die Dringlichkeitsschraube fester angezogen wird etwa im Song „Gitty“, während „Tala“ oder „South“ mit überzeugenden Melodien wieder Ballast abwerfen. Dass im Shoegazing-Fach Reverb nicht gerade ein Fremdwort ist, versteht sich eigentlich von selbst.

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