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FAQ37 Books

Text: Thomas Ballhausen Fotos:

Die Künstlerin Meret Oppeneheim (1913-1985) ist mit der vorliegenden, erweiterten Ausgabe von „Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich“ als Autorin (erneut) zu entdecken. Im Surrealismus tief verwurzelt hat sie retrospektiv eine Eigenständigkeit bewiesen, die sich auch in ihren Texten deutlich niederschlägt. Als ein „Wickelkind/Gewickelt mit eisernem Griff“ bewahrt sie einen Blick für die Wandlung als auch die Wandelbarkeit der Dinge. Unruhig und mitunter scheu wie ein Tier wirken die hier versammelten Leseangebote: Lyrik und Prosa stehen neben Drehbuchvorlagen, begleitenden Abbildungen und einem ausführlichen, produktiv ver- als auch entwirrenden Gespräch mit der Herausgeberin Christiane Meyer-Thoss. Mit großer Beweglichkeit und Anmut reflektierte Oppenheim hier ihre künstlerischen Strategien und weist die romantische Schriftstellerin Bettina Brentano (1785-1859), die spätere Ehefrau Achim von Arnims, als wichtige Referenz für das eige-ne literarische Schaffen aus. Die „Kunst“ gilt ihr dabei, ganz dieser literaturgeschichtlichen Verankerung entsprechend, als über dem programmatischen „Thema“ stehend, die Zusammenführung des (vermeintlich) Unvereinbaren ihrer bildhaften Sprache erlaubt eine poetische Entkoppelung von zeitlicher Einordbarkeit. Verschiebung ist das belebende Zauberwort dieser durchaus als magisch zu bezeichnenden Sammlung, in der „lebenslänglich Stühle“ geflochten werden, Narzissen ruhig vor sich hin nagen oder Hexen aus den Wolken herablachen. Oppenheims verspielte Abkehr von den simplen Sicherheiten, den sprichwörtlich losgelassenen „Wänden“ eröffnet eine poetische Weltsicht, die aber auch ihre dunklen Elemente behält: „Am Anfang ist das Ende“ heißt es da alles andere als zufällig. Die literarische Lust an der Finalität bestimmt auch die literarische Wiederentdeckung „Der letzte Mensch“ von Jean-Baptiste Cousin de Grainville. Erstmals 1805 erschienen, schildert dieser herrlich düstere Roman das Schicksal der letzten Menschen Omégare und Sydérie, ihr Schwanken zwischen der Option auf (über-)menschlichen Neubeginn und göttlich verordnetem Vergehen. Im Zusammenführen von Epischem und Religiösem wird damit wie beiläufig auch das unumkehrbare Ende von Geschichte in Aussicht gestellt, ein Umstand, der angesichts der politischen Kontexte des eigentlichen Entstehungszeitraums nicht nur überrascht. Der ursprünglich erfolglose, über die Jahrhunderte beinahe vergessene, in Gesängen gegliederte Text liest sich heute nicht zuletzt auch als ein Roman über menschliche Verführbarkeit. Die gelungene Neuedition, die auch ein ausführliches Nachwort enthält, macht dieses Buch zu einer lohnenden, in mehrfacher Hinsicht phantastischen Lektüre. Das Hinführen zur Leselust bestimmt mit nicht weniger Gewicht die Sammlung „Tage und Werke“. Peter Handkes „Begleitschreiben“, die sich an „alle ernsten Leser“ richten, sind verstreut erschienene kleinere, doch nicht weniger wertvolle Texte. Handke wird dabei in all seiner Schärfe und Genauigkeit erfahrbar, als sensibler Beobachter und literarischer Entdecker. Sensationell muss man dabei wohl die im letzten Abschnitt des Buchs wieder zugänglich gemachten Kritiken Handkes aus den Jahren 1964-66 erachten. Die von ihm für das Radio Steiermark betreute „Bücherecke“ erlaubt eine textliche (Wieder-)Begegnung mit dem „jungen Dichter“.


Meret Oppenheim
Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich. Gedichte, Prosa
Berlin: Suhrkamp Verlag, EUR 14,40

Jean-Baptiste Cousin de Grainville
Der letzte Mensch
Berlin: Matthes & Seitz, EUR 22,90

Peter Handke
Tage und Werke. Begleitschreiben
Berlin: Suhrkamp Verlag, EUR 23,60

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