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Der Nino aus Wien © Pamela Russmann

FAQ42 Music Selection

Vor guten 40 Jahren, während des zweiten Teils der „Rolling Thunder“-Tour, sagte ein teilnehmender Musiker zu Dylan-Intimus Bob Neuwirth: „Bob ist uns immer voraus. Er denkt auch an das Ende.“ Der einflussreichste Songwriter der letzten 50 Jahre widmet sich auf „Triplicate“ (Columbia / Sony) wieder Songs aus der Ära vor dem Rock ’n’ Roll. Mit diesem Liedgut scheint er zu vermitteln, dass er dabei ist, seinen Abschied einzuleiten. Der Mann mit dem Cowboyhut lässt seine eigenen Nummern zurück, schmiegt sich in die Lieder von Meistern, die vor ihm da waren und reitet langsam, aber sicher in den Sonnenuntergang. Wann er den Horizont erreicht, ist noch ungewiss, aber der Weg geht nur mehr in eine Richtung. Die 30 Songs auf „Triplicate“ nahm er wieder mit seiner Tourband auf, und für die unzähligen Fans, die in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, wie er seine Songs auf der Bühne knetete, dehnte und herausspuckte, ist es eine Offenbarung, wie scheinbar einfach und souverän er in diese oft komplexen Lieder eintaucht. Ausgerechnet Dylan nähert sich alten Hits wie „Stardust“, „Sentimental Journey“ oder „How Deep Is the Ocean“ mit einer Zärtlichkeit und Liebe, die ihm nur wenige zugetraut hätten. Möge dieser Abschied noch lange dauern.

Von Bob Dylan ist es ein weiter Sprung zu Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie sich etwas trauen und Dinge zusammendenken. „Das nullte Kapitel“ (Kreismusik/Soulfood) ist das dritte Album der Berliner Band, die grundsätzlich auf Samples verzichtet und beinahe legendär wurde, weil ihre Instrumente immer stark ramponiert waren. Das Zusammentreffen von Groove, Spielfreude, simplem Talent und den waghalsigen, kunstvollen Wortkaskaden vom Vorsteher machen sie einmalig. Das größte Kompliment, das man ihnen machen kann, folgt auf dem Fuß: Ernst Jandl hätte an dieser Band und an dieser Platte seine Freude gehabt.

James Yorkston hat ein tolles Buch geschrieben: über das Leben als beinahe hoffnungsloser, über wenig bis kein Geld verfügender Singer-Songwriter, der vor nie mehr als 30 Leuten spielt. Ein Werk, das wirklich jeder angehende Musiker lesen sollte. Inzwischen hat sich seine Ausdauer zumindest in seiner Heimat Schottland ausgezahlt, seine Arbeit als Solokünstler sowie als Mitglied von King Creosote genießt jede Menge Anerkennung. Kein Geringerer als John Peel sagte einmal über Yorkston, dass er der beste Songwriter seiner Generation sei. Auf „Neuk Wight Delhi All-Stars“ (Domino Records) hat er sich bereits zum zweiten Mal mit dem Jazzbassisten Jon Thorne und Suhail Yusuf Khan, einem indischen Sarangispieler, der diese Familientradition schon in achter Generation weiterführt, zusammengetan. Im Zeitalter von Leitkulturen und dem Aufbau von immer mehr Mauern in den Köpfen liegt eine derartige Zusammenarbeit zumindest nicht auf der Hand. Musik ist aber dazu verdammt, Grenzen zu überbrücken oder gar niederzureißen. Auf ihre eigene unaufdringliche Weise übernehmen die drei Musiker genau diese Arbeit. Jeder ist ganz bei sich und seinen Stärken und so erspielen sie sich als Trio die Welt. Yorkston bleibt bei seinen Folkwurzeln, Thorne steuert das beste und innovativste Bassspiel diesseits von Danny Thompson und Ron Carter bei und Khan führt die Songs mit seinen indischen Tonalitäten in neue Sphären. Für manche Ohren mag so manches Lied anstrengend klingen, aber manchmal ist es auch erlaubt, seine Ohren zu spitzen und sie neuen Klängen auszusetzen.

Große Experimente gibt es bei Real Estate, der Band aus New Jersey, die sich unweit von zuhause im hipperen Brooklyn niedergelassen hat, nicht. Das Quintett rund um Martin Courtney hat sich dem seligen Gitarrenpop verschrieben und muss sich daher natürlich auch gleich gefallen lassen, dass in ihrer Gegenwart Namen wie Big Star, Byrds, Teenage Fanclub oder Posies genannt werden. Es gibt kaum ein Genre, das ein derartiges Missverhältnis zwischen positiver Medienresonanz und Erfolg aufweist, wie dieser melodiengetränkte, leichte und immer melancholische Gitarrenpop. Real Estate lassen sich auf „In Mind“ (Domino Records) nicht beirren und glauben zu Recht an ihre heilige Mission. Sie gehen es etwas zarter an als ihre offensichtlichen Vorbilder, aber gerade dadurch erarbeiten sie sich ein eigenes Profil. Eine zwar alles andere als moderne, aber nachhaltig gelungene Songsammlung.

Es war nicht unbedingt zu erwarten, dass ausgerechnet Der Nino aus Wien die Reize des Tageslichts entdeckt. Bisher war er ein Nachtreisender, der sich im Morgengrauen in seine Burg zurückzog, um die Vorhänge zuzuziehen um die Sonne nur ja nicht über die Türschwelle zu lassen. Auf „Wach“ (Problembär Records) ist nun alles anders. Die Songs wurden tatsächlich zum großen Teil tagsüber geschrieben, und auch die Kompaktheit des ersten Teils seiner Karriere ist zurückgekehrt. Die noch vor kurzem fast greifbare Dauermüdigkeit ist einer neuen Kraft gewichen, die den Songs und den Arrangements blendend steht. Nicht ganz unschuldig daran ist Wanda-Produzent Paul Gallister, der über die Aufnahmen wachte und so für zukünftige Klassiker wie „Es lebe der Schlaf“ mitverantwortlich ist. Hier löst die ewige Nachwuchshoffnung endlich sein Versprechen ein und wird zum Leistungsträger.

Dies waren vor vielen, vielen Jahren auch Depeche Mode. Sie waren Pioniere des Elektropops und schrieben mit „Personal Jesus“, „People Are People“ oder „Enjoy The Silence“ Hymnen, ohne die die Welt definitiv ärmer wäre. Das ist lange her. Die beiden Songschreiber Dave Gahan und Martin Gore zeigen auf ihren Soloveröffentlichungen, dass sie kreative Köpfe sind und sich nicht der Langeweile hingeben. Das neue Album „Spirit“ (Columbia / Sony) reiht sich aber leider in die Reihe der durchschnittlichen Veröffentlichungen des letzten Jahrzehnts ein. Die Band spielt mit ihren eigenen Versatzstücken und fügt dem schon Gesagten nichts hinzu. Besonders traurig ist, dass die Band anscheinend den Ehrgeiz hat, noch etwas Größeres zu kreieren, aber der Mut, die ausgetretenen Pfade zu verlassen, einfach zu fehlen scheint. Daran kann auch der neue Produzent James Ford nichts ändern.

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