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Foto: Lisa Wassmann

FAQ46 – Music Selection

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14 Jahre sind eine lange Zeit. So lange ist es her, dass David Byrne seit letztes Soloalbum vorlegte. Vor noch viel längerer Zeit war er als Vorsteher der Talking Heads stilprägend: Songs wie „Psycho Killer“, „Road To Nowhere“ oder „And She Was“ haben ihren Weg in die Ewigkeit schon gefunden. Mit „American Utopia“ (Nonesuch/Warner) kehrt Byrne ins Scheinwerferlicht zurück. Gleichzeitig kündigt er eine Welttournee an, die mit einer kabellosen Bühne glänzen soll und die ihn am 26. Juni nach Wien führen wird. Byrne verlässt sich bei den neuen Songs auf seine alten Stärken – doch wie es so mit alten Stärken ist: Sie lassen im Laufe der Zeit nach. Laut Byrne sind die Songs ein Statement zur aktuellen Lage und formulieren seine Fragen an die Zukunft. Das Anliegen kann jeder verstehen, aber ob es jedoch notwendig ist, diese guten, aber niemals mitreißenden Songs in eine zwar hochgradig glitzernde, aber im Kern altbackene und sterile Form zu stecken, sei dahingestellt. Es ist gut möglich, dass Homer Simp-son sofort zum Bierstand aufbricht, wenn David Byrne auf seiner Tour einen neuen Song ankündigt. Vielleicht schafft es der begnadete Performer Byrne aber auch diesen Songs in einem völlig anderen Kontext mehr Leben einzuhauchen als hier.
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David Byrne, American Utopia (Nonesuch/Warner)


Ein paar Mal im Jahr biegt eine Band um die Ecke, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, den Rock ’n’ Roll zu retten. Viele dieser Meteoriten verglühen schnell, aber genau dafür wurde diese Musik ja erfunden. Spiel schnell, hau raus, was du geben kannst – und dann verzieh dich ins Büro oder den staatlichen Kulturbetrieb. Starcrawler aus Los Angeles bieten all das und noch mehr. Da ist das Gitarren-wunderkind, das noch zwei Jahre bis zum zwanzigsten Geburtstag warten darf und da ist die Sängerin, die alle Fantasien des wilden Lebens verkörpert. Auf dem gleichnamigen Debütalbum „Starcrawler“ umschiffen sie klaren Zuordnungen, borgen sich aber alle guten Riffs zwischen T.Rex und Black Sabbath aus und suhlen sich in kurzen, geilen Träumen von Blowjobs, Selbstzerstörung und der eigenen Unzerstörbarkeit. Der Traum mag alt sein, aber Starcrawler leben ihn intensiv und ohne Genierer. So hauchen sie dem alten Monster Rock wieder etwas Leben ein.
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Starcrawler, Starcrawler (Rough Trade)


Kat Frankie, gebürtige Australierin mit Hauptwohnsitz Berlin, entfernt sich auf ihren vierten Album „Bad Behaviour“ (Groenland Records) von ihren bisherigen Wurzeln. Freimütig erzählt sie, dass sie keine Trauerweide mit Gitarre mehr sein wollte und sich daher mit ihren aktuellen Songs zu neuen Ufern aufmachte. Aus der früheren Schwimmerin im eigenen Tränenmeer wurde auf einmal eine souveräne Songwriterin, die Loops, Popelemente von Fleetwood Mac bis hin zu Postrockgitarrenexplosionen, und vor allem auch eine Menge Spaß in ihre Kunst einfließen lässt. So hat sie ihre eigene Stimme und ihren eigenen Sound gefunden. Ein Beweis, dass man auch mit dem vierten Album durchstarten kann.
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Kat Frankie, Bad Behaviour (Groenland Records)


Durchstarten müssen Tocotronic nicht mehr – sie stehen als erste Vertreter der Hamburger Schule fast schon als Denkmal da. Wahrscheinlich wurden auch schon Diplomarbeiten über die Gruppe verfasst. Jedenfalls müssen sie die Frage beantworten, wie Mittvierziger eine Band kreativ am Leben erhalten können, ohne nur die Vergangenheit zu verwalten. Auf „Die Unendlichkeit“ versucht es Texter Dirk von Lowtzow mit einer Erinnerung an die eigene Jugend. Das ist an und für sich schon ein dünnes Pflaster, denn zwischen aufgewärmter Jugenddepression und verklärter Rückschau gilt es, viele Fettnäpfchen zu umschiffen. Wie meist in ihrer Karriere gelingt ihnen das nicht immer, denn die dünne Linie zwischen erbarmungslosen Kitsch und großen Gefühlen ist schmal, die Absturzgefahr extrem hoch. Elegische Betrachtungen wie der Titelsong sind schwer zu ertragen, aber kaum wird das Tempo angezogen, zeigen die intellektuellen Routiniers was in ihnen steckt und welche Kraft sie bei aller Sensibilität entwickeln können. Diese Band ist definitiv weiter für Überraschungen gut.
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Tocotronic, Die Unendlichkeit (Universal)


Eine der Überraschungen der Saison sind Son Lux mit „Brighter Wounds“. Son Lux ist das Projekt des New Yorker Komponisten Ryan Lotts, das er zusammen mit dem Gitarristen Rafiq Bathia und dem Drummer Ian Chang betreibt. Die Musik basiert auf sorgfältigen Beats aus der Schule von Portishead und Young Fathers mit angezogener Handbremse. Trotzdem vermitteln die Songs eine Theatralik, die an die Sparks denken lässt, bloß ohne deren grandiosen Humor. Son Lux schaffen es, große Lieder in Klanglandschaften zu betten, die berühren und vor allem nicht abgekupfert sind. Schon alleine dafür gebührt ihnen Applaus. Ob das jetzt der Soul des 21. Jahrhunderts ist oder nicht mag dahingestellt bleiben, eine einmalige Song- und Soundsammlung ist es auf alle Fälle.
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Son Lux, Brighter Wounds (City Slang)


Zum Anschluss noch eine gute Nachricht: Bernhard Schnur meldet sich mit „Atom“ (Plagdichnicht) zurück. Altgedienten Fans ist er als Mittelpunkt der mittlerweile legendären Poppioniere Snakkerdu Densk im Gedächtnis geblieben. Als ewiger Geheimtipp und großer Live-Entertainer zieht er seit Jahren durch die Lande. Hier verewigt er mit seiner Band endlich Live-Favoriten wie „Breathe“, „Danser, Danser, Danser“ oder „Tutto Verita“ in gültigen Versionen, die seinen klassischen Zugang zum Thema Pop eindrucksvoll dokumentieren. Schnur kann keine seelenlosen Songs schreiben, gejammert wird in einer anderen Welt. „Atom“ hat eine Wirkung wie das Leben von Erwin Ringel, es ist ein Statement für große Songs, für Genuss und für dieses wunderbare Dasein. Gewöhnlich fallen in diesem Zusammenhang immer Namen wie Paul McCartney, Helge Schneider oder Karl Valentin, aber die Wahrheit liegt ganz woanders. Gönnen Sie sich die ganze Schnur-Experience, es wird sich lohnen.
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Bernhard Schnur, Atom (Plagdichnicht)

 

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