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GORILLAZ, Photo: J.C. Hewlett

FAQ48 – Music Selection

Wenn ein neues Album der Gorillaz erscheint – jener Comicband rund um Damon Albarn, der in seiner ersten Karriere mit Blur den Britpop wieder salonfähig machte und als Song-Chronist für kurze Zeit der Ray Davies seiner Generation war –, dann schaut man reflexartig auf die Musikerliste und sucht nach Überraschungsgästen. Albarn ist musikalisch schließlich ein Hansdampf in allen Gassen und arbeitet auf der ganzen Welt. Auf „The Now Now“ (Parlophone/Warner) verlässt sich die Band aber beinahe ganz auf sich selbst, denn nur Gitarrenlegende George „Give Me the Night“ Benson, Snoop Dog und der House-Music-Produzent Jamie Principle absolvieren Gastauftritte. Die Gorillaz bewegen sich gewohnt geschmeidig und schmieden lässig einen Philly-Soul für das 21. Jahrhundert, der auch dann und wann einen Abstecher in Richtung Barry White macht. Über der Soundmischung schwebt die immer wieder faszinierende Stimme Albarns, der hier nur etwas auf die Killermelodien vergisst.

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Gorillaz, The Now Now (Parlophone/Warner)

Bands neigen dazu, sich auf der Stelle zu bewegen. Ein Sound wird maximal variiert, die Musikwelt glaubt an Wiedererkennbarkeit, und ein Wildern in anderen Soundgefilden ist verboten. Die Arctic Monkeys wagen auf „Tranquility Base Hotel & Casino“ (Domino) aber genau diesen Schritt und entfernen sich vom Trademarksound, der letzten und erfolgreichsten Platte „AM“. Frontmann Alex Turner setzte sich im Wohnzimmer von Schlagzeuger Matt Helders ans Piano und komponierte 11 Songs, die die Band in eine neue Richtung bringen. Und obwohl in L.A. und Paris aufgenommen wurde, ist es eine urenglische Platte, denn nur ein Dandy kann so intelligent und witzig über den Sport in seiner Wahlheimat jammern. Wie überhaupt die Songs vor cleveren und ideenreichen Beobachtungen strotzen. Als Vergleich ist da jemand wie Jarvis Cocker nicht weit hergeholt, und auch der ebenfalls in Sheffield beheimatete Richard Hawley ist als Bruder im Geiste anwesend.

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Arctic Monkeys, Tranquility Base Hotel & Casino (Domino)

Oft ist Musik ein Handwerk, vor dem man Respekt haben soll und muss. Und dann gibt es diese Ausnahmekünstler, die andere Ebenen erreichen und Leben begleiten können. Nach 13 Jahren veröffentlicht so ein Wunderknabe wieder ein Soloalbum: Stuart A. Staples lässt sich auch mit seinen Tindersticks immer Zeit. Seine Welt ist die Langsamkeit, er komponiert Krawalle der Stille. Auf „Arrhytmia“ (City Slang) feilt er weiter an seiner Vision und zieht die Schraube wieder ein Stück fester an. Wenn im Song „Memories of Love“ das Schlagzeug immer leiser wird, bis es ganz verstummt, wird die Spannung fast unerträglich. Und auf dem halbstündigen Instrumentalstück „Music for a Year in Small Paintings“ verzichtet er sogar auf seine Stimme und gibt den Tönen alle Freiheiten. Die Beliebigkeit bei solchen Unternehmungen ist immer nah, aber Staples schafft es sogar hier, einmalig zu bleiben und quälende Langsamkeit in Freiheit – und damit große Kunst – zu verwandeln.

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Stuart A. Staples, Arrhytmia (City Slang)

Bleiben wir bei Ausnahmekünstlern: Bonnie Prince Billys Wege waren schon immer verschlungen und absolut unvorhersehbar. Zuletzt verblüffte der Schöpfer von „I See a Darkness“ mit einer Verbeugung vor seinem Helden, der Countrylegende Merle Haggard. Dabei schaffte er es sogar, die bekannten Hits von Haggard zu umgehen. „Wolf of the Cosmos“ erschien in den USA bereits 2017 und hat nun auch den Sprung nach Europa geschafft. Die Songs selbst wurden noch früher, im Jahr 2007, auf dem Debütalbum der norwegischen Sängerin und Songwriterin Susanna vorgestellt. Dieses Album covert Will Oldham jetzt unter seinem Alias Bonnie Prince Billy in seiner Gesamtheit. So wie er sich die Songs von Haggard oder den Everly Brothers einverleibt und zu seinen eigenen gemacht hat, so werden auch die Folksongs von Susanna sparsam instrumentiert zu Oldham-Songs. Die Nummern passen ihm wie ein maßgeschneiderter Handschuh, und auch wenn die eigenen Songs gerade nicht fließen, zeigen solche Unternehmungen den großen Interpreten und Freigeist, der in Oldham wohnt.

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Bonnie „Prince“ Billy, Wolf Of The Cosmos (Domino)

Die Wiener Granada haben mit Geduld, vielen Auftritten und immer besser werdenden Songs schon einen Platz auf der Ersatzbank gebucht. Wenn Bilderbuch oder Wanda irgendwann einmal einbrechen, dann sind sie bereit, sich selbst einzuwechseln und ihren Dialektpop explodieren zu lassen. Ihr zweites Album „Ge Bitte“ (Karmarama) bietet eine weitere Kollektion von Mitsingrefrains, und das ist als großes Kompliment zu verstehen. Mit ihren Songs vermessen sie auch gerne Orte, wobei es doch ein wenig verwundert, dass das in hippen Kreisen geschätzte Berlin im gleichnamigen Lied schon fast verhöhnt wird. Aber „Ge Bitte“ ist der Beweis, dass hier eine Band am Werk ist, die ein solides Fundament gebaut hat und deren Weg noch länger nach oben gehen wird.

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Granada, Ge Bitte (Karmarama/Sony)

Seinen künstlerischen Höhepunkt hatte Johnny Marr sicher als musikalischer Kopf der Smiths, einer Band, der trotz der kurzen Lebensdauer ein großes Kapitel in der Geschichte des Popsongs sicher ist. Nach Jahrzehnten in der kreativen Wildnis hat sich Marr nun seit ein paar Jahr gefunden und macht das, was in seinen Genen ist: Er schreibt Songs, die auch auf Smiths-Alben ihren Platz hätten und trägt seine ultimative Britpop-Frisur noch immer mit Stolz. Das führt dann auf „Call the Comet“ (Rykodisc) zu einer Rückbesinnung und Wiedergeburt im besten Mannesalter. Mit „Hi Hello“ haut uns der alte Haudegen ein Gitarrenpopjuwel um die Ohren, für das viele seiner jungen Epigonen ihre schönsten Röhrenjeans opfern würden. Ein seltener Fall von Alter schützt vor Klasse nicht.

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Johnny Marr, Call The Comet (Rykodisc)

 

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