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Anna Calvi "Hunter" (Domino)

FAQ49 – Music Selection

Wenn der düstere Barde Nick Cave pausiert, haben seine Musiker Zeit, sich anderen Aufgaben zu widmen. Im Fall von Martin Casey bedeutet das, dass er sich und seinen Bass in den Dienst von Anna Calvi stellt, die nach einem hochdekorierten Start in ihre Karriere auf dem dritten Album“Hunter“ (Domino) aufs Ganze geht. Geschlechterrollen, mögliche sexuelle Abgründe und vieles mehr verarbeitet Calvi in Songs voller Ambition. Genau diese Ambition ist allerdings auch ein zu schwerer Rucksack für einige Songs, daran kann auch der hohe emotionale Einsatz von Calvis Stime nichts ändern. Trotzdem gelingen große Momente wie der Refrain von „Don’t Beat The Girl Out Of My Boy“, oder die Ballade „Swimming Pool“, in der sie zu beeindruckender Form aufläuft.
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Die Villagers aus Irland verdienen schon aufgrund des Albumtitels „The Art Of Pretending To Swim“ (Domino) einen Sympathiebonuspunkt. Die Mannen rund um Songwriter, Sänger und Bandvorsteher Conor O’Brien lassen diesmal ihre Vorliebe für akustische Sounds in der Bandgarage liegen und setzen auf einen sanft angelegten Breitwandpop, der auch viel Platz für die gerade wieder in Mode gekommenen Keyboardflächen lässt. Dieser Kniff hat sich bereits jetzt ausgezahlt, denn nicht nur die Konzerte auf der grünen Insel, sondern auch in England sind bestens gebucht oder ausverkauft. O’Briens Songs entstammen der klassischen irischen Schule mit Lehrern wie Glen Hansard oder Mundy, aber es ist ihnen nicht vorzuwerfen, dass O’Brien sie auf Festivalkompatibilität trimmt, denn am Ende des Tages dürfen die Fans von Mumford & Sons auch Bands wie die Villagers entdecken. Diese Platte gibt ihnen mit Songs wie „Fool“ eine blendende Gelegenheit dazu.
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Eines der Geheimnisse für ein gelungenes Leben ist der stete Rhythmus. Manche mögen jetzt laut „Gleichförmigkeit!“ oder „Abwechslung!“ rufen, aber wenn ein Schuster bei seinen Leisten bleibt, dann hat das oft den Grund, dass er darin gut ist. Der Schuster hier ist Sven Regener, der fast alle drei oder vier Jahre einen Roman veröffentlicht und im Folgejahr genug Songs für seine Band „Element of Crime“ beisammen hat. Dann wird ausgiebig durch den deutschen Sprachraum getourt, und dann kommt wieder ein Roman, in dem sein Alter Ego Herr Lehmann zumindest einen Gastauftritt hat. Die Virtuosität von Regener bestätigt leicht erwartbar auch „Schafe, Monster und Mäuse“ (Universal), denn er ist und bleibt der Meister der grauen Zwischentöne des Gefühlslebens. Die Überraschung jeder neuen EOC-Veröffentlichung ist, dass sie es immer wieder schaffen, neue Stimmungen, neue Augenblicke einzufangen und gültige Songs daraus zu machen. Dass die Herren einen Song wie „Immer noch Liebe in mir“ sogar in Richtung Mariachi deuten, beweist, dass das Feuer wie immer brennt – und so soll es auch bleiben. Wir freuen uns auf 2021, wenn der Schuster uns wieder seine neue Kollektion präsentiert.
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Marc Ribot blieb sich und seiner Gitarre auch immer treu, egal ob der New Yorker mit immer grantiger Grundstimmung sie als Sideman in den Dienst von Tom Waits, John Zorn oder Norah Jones stellte oder seine eigenen Projekte damit befeuerte. Ribot ist im besten Sinn ein barrierefrei denkender Musiker und legt mit „Songs of Resistance 1942–2018“ (Anti Records) eine der Platten des Jahres vor. Ribot nimmt sich Lieder des Widerstands vor und interpretiert sie mit befreundeten Sängern in einer vielfältigen Geradlinigkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte. Man muss gehört haben, welch abgrundtiefe Traurigkeit Ribot mit Tom Waits aus dem italienischen Klassiker „Bella Ciao“ herausholt, der schon unzählige Male verstümmelt und missbraucht wurde. Hier zelebrieren zwei Könner die Essenz dieses Erbes der Menschheit. Zwischen den Klassikern streut der Meister auch eigene neue Songs ein, die sich mustergültig einfügen. Als leidender Amerikaner schleudert er uns nicht blinde Wut entgegen, sondern Zeilen wie „Come back Rosa Parks / From the back of the bus / Take the wheel from this idiot / Steer us back on the road“. Weitere Gastauftritte haben unter anderem Steve Earle und Fay Victor.
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Ein echter Tausendsassa ist auch Wolfgang Möstl. Unermüdlich schreibt er Songs für seine eigene Band Mile Me Deaf oder werkt im Hintergrund mit dem Nino aus Wien, Voodoo Jürgens und einer Vielzahl von Bands als der Mann, der Soundideen auch umsetzen kann. „HDD-Back Up“ (Siluh Records) ist nun auf vier Plattenseiten die erste Rückschau auf das überbordende Schaffen seines Projektes Mile Me Deaf, und am Ende stellt sich die Frage, warum dieser Mann nur in Österreich weltberühmt ist? Seine Songs und sein Gefühl für Melodien sind makellos, er ist im akustischen Setting genauso zuhause wie im primitiv manischen Garagenrock oder im Krautrock, aber auch dort verliert er sich nicht in abstrakten Klanggebilden, sondern stellt immer den Song in den Mittelpunkt. Wenn Möstl kurz vor der Pension stünde, wäre diese Sammlung ein beeindruckendes Lebenswerk, aber in Wahrheit kommen da noch Jahrzehnte der freudigen Überraschungen auf uns zu.
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Bleiben wir bei Überraschungen und wechseln von der universellen Popsprache Englisch in den Dialekt. „Sog I Bin Weg“ (bader molden recordings) ist das Debüt von Sigrid Horn, das von Ernst Molden spartanisch produziert wurde. Statt der allgegenwärtigen Gitarre greift Horn zur Ukulele, die von Zeit zu Zeit von Klavier und Harfe ergänzt wird. Wem jetzt der Begriff Esoterik einfällt wird eines besseren belehrt. Instrumente sagen nichts über die Kraft der Lieder von Horn aus, die uns den Gefallen tun auf Selbstbespiegelung zu verzichten. Nach Anfängen auf Poetry Slam Bühnen und mit der Band Wosisig hat Horn nun ihre Stimme und das Vertrauen in ihr Songs gefunden. Eine Tirade gegen den Wahnsinn des Häuslbauens hat seit Arik Brauer gefehlt und das herausragende „Zombies“ verdient jetzt schon das Prädikat Entdeckung des Jahres. Und wer die bei Ihren Konzerten erlebt hat wie sie sich Johnny Cashs „Man In Black“ aneignet, der hat keinen Zweifel daran, dass Horn gekommen ist um zu bleiben.
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