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ZAZ, Foto: Press

FAQ50 – Music Selection

Am Anfang steht hier ein Album im Zeichen des Abschieds. Marianne Faithful ließ sich von ihren Verehrern und Freunden ins Studio bitten, um dieser großen Stimme noch einmal die Gelegenheit zu geben, in all ihren Facetten zu strahlen. Und wenn Faithful auf „Negative Capability“ (BMG/Warner) unter der musikalischen Leitung von Nick Caves rechter Hand Warren Ellis ihren Lebenssong „As Tears Go By“ ein letztes Mal aufnimmt, dann ist sie auf der absoluten Höhe ihrer Kunst angelengt. Allein wie sie die Anfangszeile „It is the Evening of the Day“ singt, macht dem Hörer klar, dass seit der ersten Aufnahme vor ungefähr 50 Jahren viel passiert ist und hier eine große Dame auf ein Leben zurückblickt, das auch viele Abgründe gesehen hat. Hier erzählt die Stimme in wenigen Worten ein Leben. Aber auch die neuen Songs beweisen, dass die Zusammenarbeit von Faithful, Ellis und ihrem ständigen musikalischen Begleiter Ed Harcourt eine magische Verbindung ist, die Seltenheitswert hat. Und wenn dann auch noch Nick Cave seiner Freundin einen Song wie „Fairy Gipsy Queen“ schenkt und zum Duett ins Studio schwebt, dann hat hier eine der großen Stimmen endlich das Album gemacht, das man sich schon lange von ihr gewünscht hat.

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Am Anfang ihrer Karriere stehen Stephanie Widmer und Alexander Köck alias Cari Cari. Sie gewannen im letzten Jahr den Musik Exportpreis des Waves Vienna und wurden schon nach ihrer ersten Single zu diversen Showcase-Festivals in Europa eingeladen. Die Karriere startete also erfolgversprechend und das Debüt „Anana“ (Ink Music) soll dem Duo einen weiteren Schub geben. Die ewigen Vergleiche mit den White Stripes werden sie mit diesen Songs wohl auch loswerden, denn der Schwerpunkt liegt nicht im Bierernst und dem brachialen Blues, sondern der Lockerheit. Sie wildern zwar auch in der Soundkiste der Sechziger und manchmal, wie bei „Anana Apache“, ist man sehr an der Vorlage der Ventures dran, aber ihre Stärke ist die Vielfalt, da werden die uralten Bluesakkorde von John Lee Hooker genauso verarbeitet, wie Anklänge an klassische Western-Soundtracks. Die ganz großen Melodien behalten sie einstweilen noch zurück, aber Cari Cari sind zu souverän um das nicht demnächst zu ändern und aufs Ganze zu gehen.

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Bill Ryder-Jones hat sich vor drei Jahren mit „West Kirby Country Primary“ endgültig als Solokünstler etabliert und seine Band „The Coral“, bei der er schon als Teenager spielte, verblasst immer mehr am Horizont. Mit „Yawn“ (Domino Records) setzt der Nordengländer seinen Weg als Songwriter unbeirrt fort. Er bedient sich musikalisch bei den Gitarrensounds von Dinosaur jr, den Pixies oder Buffalo Tom und unterlegt mit diesen Gitarrenbergen seine zarten Balladen. Lautstärke und Tempo schwört er ab, aber die Kombination aus immer wieder gebrochener englischer Melancholie und den Gitarrenflächen wirft wundervolle Liebeserklärungen wie „And Then There’s You“ ab. File under ruhig, entspannt und spannend.

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In ruhigen Gefilden wandelt auch Laura Gibson auf ihren neuen Album „Goners“ (City Slang/Universal). Die Songwriterin aus Portland/Oregon hat sich mit ihren letzten Alben eine treue, stetig wachsende Fangemeinde erspielt und sich nun einen Wunsch erfüllt: Ein ganzes Album zum Thema Trauer. Das bedingt natürlich einen (sehr) ruhigen Grundton, den die stilsicher eingesetzten elektronischen Elemente noch verstärken. Sie versucht, die wechselnden Gefühle der Trauernden umzusetzen, aber manchmal fehlen ihr dazu die Mittel, denn eindimensional ist dieses Gefühl sicher nicht. Aber an großen Aufgaben lohnt es sich auch zu scheitern.

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Mitten im Leben steht wie gewohnt Zaz. Die französische Fahnenträgerin des Nouvelle Chanson und Königin der Lebensfreude wandelt weiter zwischen allen Stilen und baut auf „Effet Miroir“ (Play On/ Warner) ihre großen Stärken weiter aus: Niemand kann so wie sie große Botschaften in unbekümmerte Songs verpacken, die dann auch noch im Ohr hängenbleiben. Große Sänger schaffen es, Gefühle jenseits der Sprache zu transportieren, und das erklärt auch ihren globalen Erfolg: Es ist klar, dass hier jemand begeistert von seinem Talent, seiner Arbeit, aber auch von der Arbeit mit der Band und schlussendlich mit dem Publikum ist. Diesen Geist transportiert „Effet Miroir“ mit großen Balladen wie „Demain C’est Toi“ bis hin zur Hymne der Selbstbestimmung „Que Vendra“ in atemberaubender Weise.

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Zum Abschluss etwas für den Gabentisch des gesetzten Musikliebhabers. Vor 20 Jahren erschien das Meisterwerk „The Black Light“ (City Slang/Universal) von Calexico, in dem die Band rund um Joey Burns und John Convertino ihre Mixtur aus mexikanischem Herzschmerz, Spaghetti-Western-Anklängen und Wüstenmelancholie der Hausmarke Giant Sand zur Meisterschaft trieb. Die Band nahm das nun zum Anlass, das Album, wie bei Jubiläen üblich, klanglich auf den neuesten Stand zu bringen und eine üppige Anzahl von Outtakes und Ergänzungen als Bonus dem Hörer zu kredenzen. Man kann zu solchen Unternehmungen stehen wie man will, denn ursprünglich gab es wohl einen Grund warum etwas nicht veröffentlicht wurde, aber allein das wunderbare Originalalbum, mit dem Calexico ihre Stimme fanden, wieder ins Bewusstsein zu rücken, ist aller Ehren wert und wird die inzwischen große und treue Fangemeinde jubeln lassen.

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