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Boy Harsher, Foto: Travis Weitzman

FAQ51 – Music Selection

Es gibt Künstler, die nehmen Gelegenheiten war, lassen sich von Labels und Managern führen. Sie können in diesem Umfeld funktionieren und zumindest sehr viele ihrer Wünsche umsetzen. Dann gibt es Amanda Palmer, die jeden Druck, jede Einmischung oder Empfehlung entschieden ablehnt und allein entscheidet, wann ein Song reif für die Welt ist. Nach sechs Jahren Veröffentlichungspause und hunderten magischen Auftritten der begnadeten und charismatischen Performerin erscheint nun endlich „There Will Be No Intermission“ (Cooking Vinyl) und dieses dritte Soloalbum beweist nicht nur die Kraft von Amanda Palmer, sondern auch den Mut dort hinzugehen, wo es wirklich weh tut und wo auch die Angreifbarkeit der Künstlerin sehr hoch ist. Ihre musikalisch zarte Aufarbeitung einer Abtreibung, „Voicemail For Jill“, ist nicht nur ein tiefempfundener Song, sondern in seiner Gesamtheit wahrscheinlich eines des komplettesten Statements zu diesem Thema. Palmer steht hier für emotionale Nacktheit statt der im Musikgeschäft und Kulturbetrieb so beliebten Verkleidung, scheut aber gleichzeitig nie die ehrliche Auseinandersetzung. Das durch Crowdfunding produzierte „There Will Be No Intermission“ ist alles andere als eine leichte Pop-Platte, aber es ist eben die Qualität von Amanda Palmer, auch aus Verlusten und Tragödien wahre und niemals wehleidige Songs zu formen.

Amanda_Palmer_Cover.jpgAmanda Palmer, There Will Be No Intermission (Cooking Vinyl)

In der Liga der Unbeirrbaren ist der schottische Songwriter James Yorkston ebenfalls im Spitzenfeld zu finden. Für „The Route To Harmonium“ (Domino Records) ließ er sich fünf Jahre Zeit. In dieser Periode veröffentlichte er den Roman „Three Craws“ und nahm mit dem Trio Yorkston/Thorne/Khan zwei Platten auf, die den Begriff „World Music“ neu definierten. Und auch 2019 entzieht er sich jeder Einordnung, egal ob er den Hörer mit Sprechstücken untermalt, mit faszinierenden Rhythmen in den Bann zieht oder sich dann doch konventionellen Songstrukturen zuwendet und zeitlos schöne Balladen wie „Shallow“ aus dem Hut zaubert, wobei hier auch der Remix von Vince Clark ausnahmsweise wirklich Sinn macht und dem Song neue Facetten verleiht.

James_Yorkston.jpgJames Yorkston, The Route To Harmonium (Domino Records)

Vince Clark ist bekanntlich der Mann der mit seinen Beats die frühen Depeche Mode, Yazoo und Erasure geprägt hat. Und er ist auch der Schlüssel zu Boy Harsher, einem Duo aus Northhampton, Massachusetts, das sich den dunklen Synthesizerklängen und dem Leiden verschrieben hat. Auf ihrem zweiten Album „Careful“ (Nude Club Records) lehnen sich Boy Harsher zwar etwas verlangsamt und gedehnt, aber voller Ehrfurcht an das Werk des Pioniers Vince Clark an und entwickeln daraus ihre Songs, die eine dunkle Zukunft der Liebe vorhersagen. Sie verlieren sich dabei aber etwas in zu oft gehörten Klischees und das Ziel des Popsongs vor lauter Selbstmitleid aus den Augen. Hier unterscheiden sie sich dramatisch vom lebensfrohen Vorbild.

Boy_Harsher_Careful.jpgBoy Harsher, Careful (Nude Club Records) 

Wenn Roger Sellers zur Gitarre greift, benutzt er seinen bürgerlichen Namen. Wenn er sich mit Keyboard und Computer an die Schöpfung neuer Pop-Perlen macht, dann nennt er sein Ein-Mann-Projekt Bayonne. Und unter dieser Überschrift veröffentlich er nun mit „Drastic Measures“ (City Slang/Rough Trade) sein zweites Album und im Gegensatz zum eher rohen Vorgänger „Primitives“ sind hier die Songs und Pianosounds liebevoll poliert. Das geht so weit, dass sich die Aufnahmen von Field Recordings blendend mit seiner Liebe zu klassischen Minimal Music Komponisten vertragen und er es mit seinen Melodien schafft, diese wilde Mischung zu großen Popsongs zu formen. Diese Songs erzählen dann hymnisch von seinen Erfahrungen auf endlosen Tourneen – wie er den Kontakt zu Familie und Freuden verliert und nach dem Heimkommen nur das Gefühl hat, sehr viel versäumt zu haben. Aber dieses Album war das Durchleben dieser emotionalen Achterbahn definitiv wert.

bayonne_cover.jpgRoger Sellers, Drastic Measures (City Slang/Rough Trade)

Es besteht jetzt keine unmittelbare Notwendigkeit, über das zwölfte Studioalbum „Sunshine Rock“ (Merge Records) von Bob Mould zu berichten. Selbst wenn er nach dem Ende von Hüsker Dü und den ersten wegweisenden Soloalben „Black Sheets of Rain“ und „Workbook“ seinem Bandkollegen Greg Norton als Koch in ein Restaurant gefolgt wäre, hätte er eine Unzahl von Seelen berührt und maßgeblich auf Lebensentwürfe eingewirkt. Aber er machte unbeirrt mit Ausflügen in die Elektronik weiter und ist nun wieder beim klassischen Rocktrio angelangt. Auf „Sunshine Rock“ findet er nach seinem Umzug nach Berlin eine Lebens- und Spielfreude, die zumindest überrascht und seine Songs beflügelt. In einem Alter, in dem sich andere Kollegen der akustischen Ballade zuwenden, brettert Mould mit seinem breiten Gitarrensound durch die Lieder des neuen Lebensabschnitts und dockt gleichzeitig an seine Vergangenheit als rasend melodiöser Songwriter an. Mit „What Do You Want Me To Do“ und „ Western Sunset“ erweitert er spielend die „Best of Mould“-Playlisten der Zukunft und schiebt sich in all seiner Glorie wieder in den Vordergrund.

bobmould_sunshinerock.jpgBob Mould, Sunshine Rock (Merge Records)

Lange Jahre verschwunden war Paul Webb, früher Bassist bei den kultisch verehrten Talk Talk. Als Rustin Man veröffentlichte er vor 16 Jahren eine Zusammenarbeit mit Beth Gibbons, der Stimme von Portishead. Seither arbeitete er in seiner Scheune in der westenglischen Einschicht an „Drift Code“ (Domino Records). Freunde kamen vorbei, nahmen die eine oder andere Spur auf, Ideen kamen und gingen, und das jetzt vorliegende Ergebnis ist unglaublich englisch. Der musikalische Freigeist von Robert Wyatt schwebt über dem Projekt und auch Brian Wilson darf sich über die Harmoniegesänge freuen. Wenn man „Drift Code“ als verschollenes Album aus den Siebzigern verkaufen würde, vielleicht sogar als Missing Link zwischen Family und Soft Machine, niemand könnte dagegen etwas einwenden.

Rustin_Man_Drift_Code.jpgRustin Man, Drift Code (Domino Records)

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