article_732_bonnie_pb_580x396.jpg
Bonnie Prince Billy © Magdalena Blaszczuk

FAQ30 Music Selection

Text: Stefan Koroschetz Fotos: Press

Nach einer Beinahe-Auflösung sind die Tindersticks wieder kontinuierlich aktiv, das aktuelle Album Ypres jedoch unterscheidet sich markant vom bisherigen Werk der Briten: Als Auftragswerk für das belgische Museum In Flanders Fields, das sich dem ersten Weltkrieg widmet, ist Ypres die akustische Untermalung für die Permanent-ausstellung. In Zusammenarbeit mit der Opernkomponistin Lucy Wilkins entstand eine auf drei Räume verteilte, orchestrale Komposition, die nichts mehr mit Popmusik zu tun hat und sich auch von den Soundtrack-Arbeiten der Tindersticks abhebt. Die Stadt Ypern wurde im ersten Weltkrieg praktisch dem Erdboden gleichgemacht und dementsprechend dramatisch bis abgründig klingen die dominanten, apokalyptischen Streicher, die nur von Posaunen, Hörnern und Synthie-Orgel (Gueles caccées) aufgelockert werden. Auch wenn Stuart Staples diesmal nicht singt, ist Ypres ein erschütterndes, mächtiges Opus, das selbst ohne die dazugehörige Ausstellung durchrüttelt.

Ebenfalls kein Happy-Sound, dafür von prägnanter Stimme Dominiertes kommt von Ex-Soft-Machine (als Drummer) und Ex-Matching-Mole Robert Wyatt auf der Werkschau Different Every Time. Ausgewählt wurden die Stücke von Wyatt himself und seinem Biografen Marcus O’Dair, wobei sich auf der Ex Machina genannten CD1 für Kenner des Mannes mit der Falsettstimme nichts Neues findet. Zwei mal Soft Machine, ein mal Matching Mole und zehn luzid ausgewählte Songs, die einen groben Überblick über das zwischen Jazz, Balladen und eigenwilligem Pop angesiedelten Solowerk Wyatts bieten. Bis auf die Kooperation Shipbuilding (Elvis Costello), dem vermutlich bekanntesten Stück des 1945 geborenen Briten, versammeln sich auf der Benign Dictatorship getauften CD2 die größeren Überraschungen. Der seit 1973 nach einem Fenstersturz an den Rollstuhl gefesselte aktive Kommunist Wyatt kooperiert(e) gern und viel. Die Auswahl von 17 Stücken bei denen er als Gastsänger (oder als Cover-Artist) auftritt, spannt sich von Hot Chip über Epic Soundtracks bis zu Björk und Phil Manzanera. Tolle Kompilation, schwere Empfehlung.

Der Kanadier Dr. Dan Sna-ith (Mathematik), ist als Ex-Manitoba und aktuell als Caribou bestens bekannt. Snaith produziert Club/Dance/House/HipHop/Bassmusik für Leute, denen nie einfallen würde, in einen Technoclub zu gehen, was am ausgetüftelten Popappeal seiner Tracks liegt. Vor vier Jahren machte er mit dem Album Swim schon Wind in Kritikerkreisen mit einer herzerwärmenden Melange aus Soul, Folk und Elektronik, die minus Folk auf Our Love fast zur Perfektion gelangt. Das Eröffnungsstück Can’t Do Without You soll auf Festivals schwer eingeschlagen haben, es liefert auch eine Blaupause dafür, wie Snaith seine Tracks anlegt: verhalltes Vocalsample auf geradem Beat, flüchtiger Keybordsound. Auf einmal werden Bass und Vocals lauter, während sich die Elektrosounds verdichten – eine beeindruckende Zuspitzung in kaum vier Minuten. Kurze, schräge Streicherparts für das Album, das sich thematisch der Liebe widmet, steuert Snaith-Haberer Owen Pallett bei. Our Love ist damit eines der Konsens-Alben 2014, das Herz und Hirn anspricht, und laut gehört werden sollte.

Zur Konsensplatte nicht ganz so gut eignen dürfte sich Singer’s Grave a Sea of Tongues von Bonnie „Prince“ Billie (BPB) alias Will Oldham, das eine fast hundertprozentrige Neueinspielung von Wolfroy Goes To Town aus 2011 ist. Die Neuinterpretation eigenen Materials ist bei Oldham nichts neue    s, hat er doch bereits 2004 mit BPB Sings Greatest Palace Music (2004) Palace Brothers/Palace-Songs in opulenterer Orchestrierung neu eingespielt. Aktuell hat sich Oldham mit 13 Musikern in Nashville eingefunden um acht der doch recht trostlosen, kargen Stücken von Wolfroy (plus drei anderen) mehr Fleisch an die Rippen zu pappen. Banjo, Fiddle, Drums, Pedal Steel, Mandoline, Ukulele und mehreren Frauenstimmen verwandeln die Stücke in mitreißende Americana/Country-Rock/Folk/Gospelsongs, die so arrangiert neue Facetten freilegen. Der Song No Match etwa wird mit dem neuen Titel Old Match in so mitreißender Manier interpretiert, dass einem die Tristesse des Textes kaum mehr bewusst wird. Es wohnen also mindestens zwei musikalische Seelen in Oldhams Brust, und die extrem reduzierte gehört noch nicht der Vergangenheit an. Pluspunkte gibt es für das gewagt-hässliche Tiger-Cover.

Am Cover von Yes We Does, dem aktuellen, vierten Album des in Wien aktiven Quintetts 5/8erl in Ehr’n, wird man dafür mit fragwürdiger Grammatik konfrontiert. Gar nicht fragwürdig ist, was die eine Frau und die vier Männer musikalisch und textlich von sich geben. Der Einfachheit halber gern als Wiener Soul etikettiert, umspannt ihr Werk viel mehr: Mit handwerklicher Exzellenz verschmelzen sie eine Prise Wienerlied mit Jazz und Songwriting, souligem Gesang und ein wenig Blues. Mit der Single Alaba - How Do You Do?, die sich auf einen Fauxpas des Tiroler Landeshauptmanns Platter bezieht, liefern sie nicht nur Vokalakrobatik, sondern haben auch die Lacher auf ihrer Seite. Für Abwechslung ist bei den zehn Stücken auf YWD (von der beseelten Ballade bis zu funky-groovigem Stoff) bestens gesorgt, wobei die zarteren Songs wie etwa Heit Hea I dem Regen zu besonders zu Herzen gehen. Textlich werden Scheinprominenz, Hipster, Denglish oder der Akademikerball thematisiert, immer mit Charme und ohne Agitation. Eine Band, bei der man mit „Klingt wie“-Vergleichen nicht weit kommt.

Damien Rice, der inzwischen 40-jährige Ire, konnte mit den Alben O (2003) und 9 (2006), sowie Einsätzen in TV-Serien eine mehrheitlich weibliche Fanbase begeistern. Nach einer für Popbegriffe unendlichen Unterbrechung von acht Jahren erscheint mit My Favorite Faded Fantasy ein acht Stücke umfassender Zyklus, der Rice versöhnlicher und gereift zeigt. Trauer und Wut sind einem stabileren Gemütsausdruck gewichen, der in teils recht langen Stücken durchwegs gefällt. Immerhin hat kein geringerer als Rick Rubin Rice bei der dramatischen musikalischen Zuspitzung seiner Poeme beraten, was zu 1A-Ergebnissen wie It Takes a Lot to Know A Man, in dem der Spannungsbogen für eine Taschensinfonie mit ausufernden Streichern in fast zehn Minuten voll ausgereizt wird. Zurückhaltender ist das Schlüsselstück The Greatest Bastard, die ruhige Selbstreflexion eines Zweiflers. Auf den Einsatz von The Box in tränendrüsendrückenden Filmen (Prädikat: wertvoll!) kann man schon jetzt risikolos wetten. 

Tags: