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Fest der Liebe

Ein nahendes Fest fordert zum Schenken auf, lädt dazu ein. Bücher sind um diese Jahreszeit, so gewinnt man den Eindruck, eine besonders beliebte Gabe – manchmal aus Verlegenheit, häufiger, so ist zu hoffen, aus Überzeugung. Nimmt man die Begrifflichkeit vom Fest der Liebe in seiner Mehrdeutigkeit wahr, so sollte man doch versucht sein, mit den entsprechenden Gaben einzulösen, was der Name der mal mehr, mal weniger erträglichen Feierlichkeiten verheißt. Ein Buch erweist sich dann nicht selten auch als willkommener, ja als bester Begleiter für den Rückzug aus familiären Minenfeldern und ähnlichen Vorzügen der angeblich stillsten Zeit des Jahres. Der 100. Geburtstag des französischen Philosophen Roland Barthes bringt zwei Veröffentlichungen mit sich, die sich (spätestens auf den zweiten Blick) als perfekte Geschenke erweisen: Da ist einerseits die erste umfassende Biografie des Denkers, die auch bislang nicht zugängliche Dokumente zu Leben und Werk berücksichtigt, andererseits sein nun erstmals vollständig in deutscher Sprache vorliegendes Erfolgsbuch „Fragmente einer Sprache der Liebe“. Die umfängliche Biografie, verfasst von der Literaturspezialistin Tiphaine Samoyault erlaubt einen tiefgehenden Blick auf das Leben Barthes’. Mit wissenschaftlichem Spürsinn und literarischer Finesse gelingt ihr das niveauvolle Porträt eines Schwierigen und seines Schaffens. Eingebettet in zeit- und geistesgeschichtliche Kontexte entfaltet Samoyault detailliert die Geschichte eines von Sehnsucht und Kultur erfüllten Wirkens. Eine zentrale Rolle in ihrer Arbeit nimmt auch das Werk Barthes’ ein, nicht zuletzt sein Bestseller „Fragmente einer Sprache der Liebe“, von dem allein 1977, im Jahr seines Erscheinens, 79.000 Exemplare verkauft wurden. Die breite Zustimmung für Barthes Buch, an der sich auch über die Jahrzehnte hinweg nichts änderte, hat nicht zuletzt mit seinem persönlichen Tonfall zu tun. Zugänglicher als es akademische Studien mitunter (leider) sind, kann sein alphabetisch strukturiertes Lesebuch der Liebe als genuin literarisches Werk gelesen werden. Ohne je einen Roman im herkömmlichen Sinn vorgelegt zu haben, ist Barthes in seinem Schreiben gewiss literarischer als manche der Autorinnen und Autoren, die gegenwärtig belanglose Stapelware vorlegen. Er braucht keine tausend Seiten, um seine Haltung der Lektüre vorzuführen oder seine Referenzen lebendig werden zu lassen. Eigene, autobiografisch anmutende Beobachtungen werden mit Beispielen aus Literatur, Film und Musik verkoppelt und aktualisiert. In der Verweigerung eine durchgängige, lineare Geschichte anzubieten, lassen sich hier eine Vielzahl von Erzählungen (und deren Andeutungen) finden. Die zelebrierte Offenheit macht deutlich, dass eben nicht nur der Text, sondern auch das liebende Subjekt fragmentiert, sprachlich durchgearbeitet ist. Einen einfachen, simplen Abschluss oder Ratgeber-Sentenzen gibt es hier – was zu unser aller Vorteil ist – nicht. Vielmehr erscheint jeder Eintrag der vieldeutigen „Fragmente“ wie eine Tanzfigur, eine nachvollziehbare Pose, in der sich schriftstellerisches Potenzial und Reflexionsvermögen entfalten. Unter dem Begriff des Liebenden, der hier „spricht und sagt“ werden verschiedenste Momente der Sehnsucht zu einem klugen, immerzu gültigen Trostbuch gebündelt, das tatsächlich eine Gabe ist.


Roland Barthes
Fragmente einer Sprache der Liebe
Berlin: Suhrkamp Verlag, EUR 25,70

Tiphaine Samoyault
Roland Barthes – Die Biographie
Berlin: Suhrkamp Verlag, EUR 41,10

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