article_1141_bayer_millesi_austropilot_580x396.png

Heimvorteil

Nicht zuletzt in Sachen nahende Feste und drohende Feiertage lohnt es sich, geschenkemäßig den Blick auf die heimische Verlagsszene zu richten: Handlich präsentiert sich etwa der Band „Simulakren“ des französischen Philosophen und Poeten Guillaume Métayer, der den Auftakt der Reihe „yara lyrik“ darstellt. In limitierter Auflage entfaltet sich diese auf zehn Bände angelegte Reihe, die einerseits klassische literarische Formen berücksichtigt, andererseits auch Songwriter über ihre lyrics erfahrbar macht. International ausgerichtet, werden hier erstmals Texte in der Edition Yara zugänglich gemacht, die Mut zum Experiment mit Gestaltungswillen verbindet. Die Lyrikauswahl Métayers korrespondiert dabei auch inhaltlich mit dem gewählten Kleinformat, Geschichte entfaltet sich anhand von freigelegten Details und über die Zeit hinwegziehenden Bildern. So gerät die aristokratische Herrschaft in unerwünschte Schleuderbewegung, Pariser Straßen erweisen sich als individuelle Erinnerungsorte oder verwandeln sich in Schlachtfelder. Mythologische und ästhetische Kategorien mischen sich, ohne das Individuelle zu unterschlagen oder politische Akzentsetzungen zu verunmöglichen. Belege gelebter Zweisamkeit manifestieren sich vor dem Hintergrund einer aufgedröselten Geschichtserfahrung, die ihre Toten freigibt. Der hinzutretende Dritte ist dabei aber seltener Zeuge, der die Gegenwart aussöhnt, denn ein Störenfried im Blick des Beobachtenden.

Als ein anderer, durchaus gewünschter Störenfried mag manchen der frühverstorbene Schriftsteller Werner Schwab gelten. Das von den Medien deutlich mitgeprägte Klischee vom sprachgewaltigen enfant terrible, vom hochgewachsenen Dramatiker-Punk und exzessiven Provokateur kann nun mittels der erstmals gesammelten Interviews über seine Schaffenszeit hinweg abgeglichen werden. Das gestiftete Bild entfaltet sich in all seiner gewitzten Inszenierung dabei nicht zuletzt über den Umstand, dass Schwab auf ähnliche Fragen über die Jahre hinweg neue Antworten findet. Die Wandlung seines Werks wird retrospektiv ebenso greifbar wie die von ihm angelegten Strategien zur Festigung eines Images. Dieses durchaus unterhaltsame Spiel aus Wiederholung und Variation wird von einer Zusammenstellung essayistischer Texte ergänzt, die diesen Band umso mehr zu einem wichtigen Bestandteil der Schwab-Werksausgabe, die beim Literaturverlag Droschl erscheint, machen: Aus diesen kleineren Arbeiten lässt sich das dichterische Programm einer grimmig-bösartigen Literatur, die wir immer noch dringend notwendig haben, ableiten.

Als gleichermaßen unverzichtbar erweist sich die schlanke Anthologie „Austropilot“, die literarische Arbeiten aus österreichischen Literaturzeitschriften der 1970er-Jahre versammelt. Die Herausgeber Bayer und Millesi haben sich in ihrer Auswahl, abseits vom uneinlösbaren Gedanken der Vollständigkeit oder dem Programm vermeintlicher Repräsentativität, einzig vom Wunsch nach guten Texten leiten lassen. Ihre individuelle Selektion bietet, mit reflexiven Rahmungen versehen, Einblicke in eine von „Aufbruchsstimmung“ geprägte Zeit, in der ein vielfältiges Angebot von Literaturzeitschriften die Mittel zur künstlerischen Selbstermächtigung angeboten haben. Diese facettenreiche Zusammenstellung ist in der Edition Atelier erschienen – einem Verlag, der die bestechenden Vorzüge dieser mutigen, wichtigen Unternehmung erkannt hat.


Guillaume Métayer
Simulakren
Graz: Edition Yara, EUR 8,-
Exklusiv bestellbar über www.edition-yara.at

Werner Schwab
Der Mensch, der Schreibmuskel, der Suchtfetzen. Gespräche, Interviews, Essays.
Graz: Droschl, EUR 25,-

Xaver Bayer/Hanno Millesi (Hg.)
Austropilot. Prosa und Lyrik aus österreichischen Literaturzeitschriften
Wien: Edition Atelier, EUR 20,-

 

Tags: