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Hitzefrei

Wer auch im Sommer lesend eine sprichwörtlich gute Figur machen will, dem seien die folgenden drei Bücher ans Ferienherz gelegt, die je nach Format und Umfang unterschiedlich viel Platz im Picknick-/Party-/Strandkorb einnehmen: Im klassisch handlichen Suhrkamp-Format präsentiert sich der zuletzt erschienene Roman des deutschen Autor Thomas Meinecke. Der DJ und Musiker legt mit „Selbst“ eine Fortführung seiner permanenten Auseinandersetzung mit dem Thema der Identität vor. Der hochgradig anregende wie auch unterhaltsame Plot um eine eigenwillige WG in Frankfurt bietet dabei die ideale Ausgangssituation zu der für Meinecke im besten Sinne üblichen Verhandlung von Gender, Pop und Begehren. Leicht und gewitzt verbindet er einmal mehr Fundstücke unterschiedlichster Diskurse, ohne deren Eigenständigkeiten oder Widersprüchlichkeiten einzuebnen. Ganz im Gegenteil – in der Montage mitunter auch gegenläufiger Textbausteine zeigt Meinecke einmal mehr wozu intelligente Popliteratur imstande ist. Anders als die international derzeit überpräsente Schreibhaltung, mittels der in beinahe schon reaktionärer Weise über vermeintliche Authentizität traditionelle Modelle von Autorschaft und Gesellschaft zelebriert werden, legt Meinecke den Akzent auf die Gemachtheit, auf Materialverknüpfungen und das Nebeneinander von Fundstellen. Diese Ästhetik der Nachbarschaft, die wenig zufällig musikalisch anmutet, ist darüberhinaus auch politisch lesbar: Baden New Sincerity & Co. im biedermeierlichen Konformismus, legt Meinecke mit Begriffen und Zitaten Markierungen einer zur Verhandlung stehenden Gegenwart. Dass Meinecke auch wieder Figur seiner verflochtenen Handlung ist, ist dabei nur konsequent.

Etwas umfänglicher nähert sich William Gibson in „Peripherie“ einem ähnlich gelagerten Themenkomplex an: Als Kriminalgeschichte zwischen zwei Zeitebenen entfaltet sich ein von Neologismen durchzogener Erzählstrom, elegant switchend zwischen einer Wirklichkeit, die unserer nahen Zukunft entsprechend könnte, und einer bedrohlich cleanen Zukunft, die jenseits einer antizipierten Katastrophe liegt. Über diese unausgesprochene Zäsur des „Jackpots“ hinweg kommunizieren die Hauptfiguren Flynne und Wilf, getrennt durch die Zeit und verbunden in der Notwendigkeit, einen Mord aufzuklären. So wie Meinecke die Sprache der Gegenwart remixt, so gestaltet Gibson das mögliche Vokabular der Zukunft aus. Abseits von Genreklischees und Erwartungshaltungen erzählt der SF-Großmeister aber nicht nur einen beklemmenden Techno-Thriller, vielmehr leistet er erneut Analysearbeit unserer nicht minder verstörenden Jetztzeit. Seine Erzählung präfiguriert, so kann man annehmen, (Sprach-)Geschichte.

Mit dem großformatigen Katalog „Pioniere des Comic“ kann man schließlich einen wunderschön gestalteten Blick in die Vergangenheit der Neunten Kunst machen. Im Versuch, eine „andere Avantgarde“ aufzuschlüsseln und bekanntzumachen, werden die Hauptvertreter des frühen Comic vorgestellt: Neben Lyionel Feininger oder Winsor McCay stehen Positionen wie Cliff Sterrett und George Herriman. Die künstlerische wie auch kunsthistorische Bedeutung dieser sehr unterschiedlichen Beispiele, die in ihrer Bandbreite vom Bauhaus bis zum Surrealismus reichen, zeigt sich dabei auch in der Ausgestaltung von immer noch gültigen Bildsprachen und Erzählweisen. „Pioniere des Comic“ ist eine Einladung zur (Wieder-)Entdeckung der Macht der Phantasie und der Imagination. Besser und hoffnungsfroher kann man den Sommer wohl kaum begehen.


Thomas Meinecke, Selbst
Berlin: Suhrkamp Verlag, EUR 25,70

William Gibson, Peripherie
Stuttgart: Tropen Verlag, EUR 25,70

Alexander Braun, Max Hollein (Hg.)
Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde
Ostfildern: Hatje Cantz Verlag, EUR 36,-

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