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Höllenfahrten

Text: Jörg Schiffauer Fotos: Press
Ein wenig überraschend war der Sieger bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes dann doch. Zwar hatte La Vie d’Adèle bei seiner Premiere einige Tage zuvor Begeisterung bei Publikum und Kritikern hervorgerufen, aber die Geschichte einer leidenschaftlichen Beziehung zweier junger Frauen schien einigen doch zu gewagt für den Hauptpreis. Dennoch verstand das wuchtige Drama schlussendlich die Jury unter dem Vorsitz von Steven Spielberg zu überzeugen und die Goldene Palme einzuheimsen. Epische 179 Minuten lang rückt Regisseur Abdellatif Kechiche die stürmisch verlaufende Liebe der Protagonistinnen in den Mittelpunkt seines fünften Spielfilms. Als die 15-jährige Schülerin Adèle der etwas älteren Kunststudentin Emma begegnet, ist es für sie die große Liebe auf den ersten Blick. Aus der ersten Leidenschaft entwickelt sich eine dauerhafte, feste Beziehung samt gemeinsamer Wohnung. Doch wie in vielen langjährigen Partnerschaften bleiben auch hier Verwerfungen nicht aus, sind doch die Vorstellungen der beiden Frauen höchst konträr. Die bodenständige Adèle verfolgt konsequent ihren beruflichen Wunsch, Lehrerin zu werden, Emma hingegen pflegt als Künstlerin einen mehr libertär ausgerichteten Lebensstil. Abdellatif Kechiche, in Tunis geboren und in Frankreich aufgewachsen, begann seine Karriere als Schauspieler ehe er anfing, eigene Filme – wie etwa 2007 den mehrfach ausgezeichneten La graine et le mulet – zu inszenieren. Mit La Vie d’Adèle gelang Kechiche nun ein weiterer großer Wurf, ein vielschichtiger Film, der es schafft, die Höhen und Tiefen einer Beziehung zu zeigen ohne diese auf gleichgeschlechtliche Klischees zu reduzieren. Die explizite Heftigkeit, mit der Kechiche die erotische Seite dieser Liebe zeigt, wurde im Gegensatz zur allgemeinen Euphorie, die in Cannes noch vorherrschte, in weiterer Folge allerdings ein wenig ambivalenter betrachtet. Unbestritten sind jedoch die großartigen Leistungen der Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux, die den von ihnen gespielten Charakteren große Intensität und Authentizität zu verleihen verstehen.

Vor einem gänzlich konträren Problem steht hingegen der Protagonist von All Is Lost. Der befindet sich allein an Bord seiner Yacht mitten im Indischen Ozean. Ein auf dem Wasser treibender Container beschädigt das Boot bei einem Zusammenstoß schwer, Manövrieren ist kaum noch möglich, zudem fällt auch das Funkgerät aus. Der erfahrene Segler befindet sich plötzlich ganz allein im Kampf gegen die Elemente, er kann nur auf seine seemännische Erfahrung im Kampf ums Überleben zurückgreifen. Als ein mächtiger Sturm aufzieht, droht die Lage aussichtslos zu werden. Mit Margin Call, einem subtilen, kammerspielartigen Thriller, der die Finanzkrise brillant analysierte, war J. C. Chandor 2011 ein aufsehenerregendes Spielfilmdebüt gelungen. Nicht weniger beeindruckend gelingt es Chandor in All Is Lost, reduziert auf nur eine Figur, den Kampf gegen die Kräfte der Natur als Metapher für die Widrigkeiten des Lebens – gleich Hemingways „The Old Man and the Sea“ – in Szene zu setzen. Robert Redford  brilliert mit der Darstellung des einsamen Protagonisten  in einer grandiosen Altersrolle.

Wesentlich handfester geht es da bei American Hustle zu: Im Mittelpunkt der auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte steht der Trickbetrüger Irving Rosenfeld. Als ihm ein ambitionierter FBI-Agent auf die Schliche kommt, bietet sich Rosenfeld unerwartet die Gelegenheit, eine Gefängnisstrafe zu vermeiden. Er erklärt sich bereit, mit den Behörden zusammenzuarbeiten und als Lockvogel zu agieren, um einen bestechlichen Politiker zu überführen. Doch weil dabei auch das organisierte Verbrechen im Spiel ist, wird die Sache für Rosenfeld zusehends prekär. Die dem Drehbuch zugrunde liegende Operation, die Ende der siebziger Jahre ihren Anfang nahm, entwickelte sich zu einem großen Schlag gegen Korruption, im Zuge dessen mehrere Politiker – darunter auch der Senator von New Jersey – verurteilt wurden. Regisseur David O. Russell konnte für die Verfilmung dieses spektakulären Falls ein hochkarätiges Ensemble versammeln, neben Christian Bale in der Rolle Irving Rosenfelds agieren Jeremy Renner, Jennifer Lawrence, Bradley Cooper, Amy Adams und Robert De Niro.  

Matthew Porterfield zählt zu den prononciertesten Vertretern des „Real America“, jenem Kino, das in jüngerer Vergangenheit begonnen hat, einen realistischen Blick auf die soziale und kulturelle Gegenwart der Vereinigten Staaten zu werfen. Mit Hamilton und Putty Hill beleuchtete Porterfield spezifische Regionen und Milieus seiner Heimat Baltimore. Auch I Used to Be Darker  spielt wiederum in Baltimore, diesmal im Umfeld der dortigen Alternativ-Musikszene. Dabei befindet sich das Ehepaar Kim und Bill mitten in der Trennung, als plötzlich ihre Nichte aus Nord-irland vor der Tür steht. In dieser angespannten Atmosphäre unter der vor allem Abby, die Tochter des Paares, leidet, ist ein Verwandtenbesuch nicht gerade ideal, Konfliktsituationen bleiben auch prompt nicht aus. Das Motiv der Suche zählt zu den tragenden Elementen in Porterfields Arbeiten und sie wird – als Suche nach der eigenen Identität im Verlauf des Erwachsenwerdens oder nach Beendigung einer Beziehung – auch in I Used to Be Darker zum bestimmenden Topos. In dem für Porterfields Filmen typisch ruhigen, fast beiläufigen Erzählduktus wird ein  Mikrokosmos genau beleuchtet, die Probleme der Protagonisten verdichten sich jedoch nach und nach zu  Fragen von universeller Gültigkeit.

In den sechziger- und siebziger Jahren etablierte sich vornehm-lich in Frankreich und Italien mit dem Subgenre des Politthrillers ein engagiertes und gleichzeitig hochspannendes Kino. Regisseure wie Costa-Gavras, Francesco Rosi, Damiano Damiani, Henri Verneuil und Elio Petri – um nur einige zu nennen – gelang es dabei, dezidierte politische Positionen – vornehmlich linke – und brillantes Genrekino zu vereinigen und so einem brei-tem Publikum näherzubringen. Das Filmmuseum bietet mit der Retrospektive „Thriller-Politik“ ab Jänner die Gelegenheit, stilbildende Arbeiten wie Z, Der unsichtbare Aufstand, Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger oder Die Macht und ihr Preis (wieder) zu sehen.  

Blau ist eine warme Farbe /
La Vie d’Adèle

Kinostart 20. Dezember

All Is Lost
Kinostart 10. Jänner

American Bullshit / American Hustle
Kinostart 14. Februar

I Used to Be Darker
Kinostart 10. Jänner

Filmmuseum Wien: Thriller-Politik – Italien, Frankreich, die Siebziger
9. Jänner bis 6. Februar

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