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Iggy Pop

Iggy Pop reitet ein letztes Mal in den Sonnenuntergang und rettet sich und die Idee des Rock ’n’ Roll.

Kurz bevor Iggy Pop im Juli des letzten Jahres die Bühne in Wiesen betrat, blickte er kurz durch den Vorhang aufs Publikum.Dann tänzelte er noch wie ein Boxer vor dem wichtigsten Kampf seiner Karriere, feuerte sich und seine Band an, um mit der richtigen Betriebstemperatur tief im roten Bereich die Bühne zu stürmen und ab diesem Moment keine Gefangenen mehr zu machen. Dieses Ritual war kein Kompliment an Wiesen, es ist die Verwandlung des scheuen, ruhigen und nachdenklichen James Osterberg in Iggy Pop, den Bühnenberserker, die Rampensau, den Radaumacher und gnadenlosen Performer. Dieses Ritual zelebriert er seit seinen Zeiten mit den Stooges zum Ende der sechziger Jahre, als er alle bekannten Grenzen des auf der Bühne Erlaubten sprengte. Der einzige Unterschied liegt wohl darin, dass heute stilles Wasser statt sämtlicher verfügbarer Drogen seinen Körper flutet.

2016 ist Iggy Pop wieder auf die Titelseiten der Musikmagazine zurückgekehrt. Ein Grund dafür ist sicher, dass er einer der letzten aktiven Helden einer Ära ist, die die Geschichte geprägt hat und dass vor allem der Tod von David Bowie und Lou Reed das Verschwinden der Altvorderen schmerzlich ins Gedächtnis gerufen hat. Der andere Grund ist Post Pop Depression, Iggy Pops neue Platte, die in Zusammenarbeit mit dem omnipräsenten Josh Homme entstanden ist, der seine Trademark, den trockenen Wüstenrock, nur bedingt auf Iggy übertragen hat. Der Ausgangspunkt für die Zusammenarbeit war, dass es ein aktuelles Statement sein sollte und kein Blick zurück. Auch die historischen Verdienste durften keine Rolle spielen. So kam auch eine Nachstellung des Sounds der Stooges nicht in Frage, ein Vorhaben das zum Scheitern verurteilt wäre. Und diese Aufgabe erfüllten alle Beteiligten blendend. Zusätzlich generierte Pop Aufmerksamkeit indem er ankündigte, dass das nun seine letzte Studioplatte sei. Wenn dem wirklich so ist, so ist der Abgang stilvoll und mit Würde gelungen. Wenn er es sich anders überlegt, wird ihm sicher großherzig verziehen werden.

Post Pop Depression könnte aber auch der Anlass sein, sich mit dem restlichen Alterswerk von Iggy Pop zu beschäftigen. So nahm er auf Apres, das vor vier Jahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit erschien, großartige ruhige Coverversionen auf, die seine besonnene Seite zum Vorschein bringen und so den Sänger und Crooner in den Vordergrund stellen. Iggy Pop singt darauf den alten Schmachtfetzen „Michelle“ – und das so, dass Paul McCartney nichts anderes überbleibt, als den Hut zu ziehen und sich tief zu verbeugen.

Am 4. Juni ist es auch hier wieder soweit: James Osterberg verwandelt sich auf der Wiener Donauinsel in Iggy Pop und es wird sein wie immer: atemberaubend.

Iggy Pop: „Post Pop Depression“ Caroline / Universal
Live: 4.6.2016 Rock in Vienna, Donauinsel Wien

 

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