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© Werner Geier, 1997. Foto: Rob Hann

Im Angesicht des Verlusts

Text: Roland Schöny Fotos: Press

Wie oft Ausstellungsräume doch den Eindruck auslösen, in eine andere Welt abseits des Alltags zu führen! Nur allzu leicht erzeugt ihre distanzierte Aufgeräumtheit einen Sicherheitsabstand der Unberührbarkeit mit all den unbewältigten Dramen, Abstürzen und Widersprüchen in der Realität draußen, von der einzelne Projekte erzählen. Im Falle Werner Geiers ist es für viele die Erinnerung an eine aufgerissene, immer noch nicht ganz verheilte Wunde. Zu groß ist die zeitliche Nähe seines Ablebens im Jahr 2007 mit gerade 45 Jahren. Zu stark immer noch die Präsenz seiner signifikanten Stimme im Radio: „... over and out“. Seit Mitte der 1980er Jahre hat er im Radioprogramm Ö3 – zumeist im Magazin Musicbox – als Musikvermittler gewirkt. Als charismatischer Radiogestalter inszenierte er mit seiner Stimme das montägliche Tonjournal als komprimierte Verheißung einer Welt aktueller Sounds, die es unbedingt zu entdecken gab. Begeistert, streng, durchdacht und voll kenntnisreicher Liebe zum Thema. Die Sätze stimmten. Nie ein Wort zu viel. Seinem Arbeitsethos war es zu verdanken, dass Konzerte von Nick Cave, Sonic Youth, von den Feelies bis hin zu Hüsker Dü und den Go-Betweens um fünf nach 15 Uhr durch den Äther von Ö3 strömten. Wie schnell doch das Gefühl dafür verloren geht, dass genau solche Radioereignisse bindend und auf lange Zeit hin identitätsprägend sein können.
In den neunziger Jahren wurde Werner Geier zudem zu einer zentralen Figur der international bald enorm präsenten Wiener Elektronik- und Dancefloor-Szene und war als DJ „Demon Flowers“ aktiv. Mit Rodney Hunter betrieb Geier das Label „Uptight“, bei dem wichtige Releases u. a. von „Leena Conquest“ und „Hip Hop Finger“ erschienen – und er wirkte als Remixer für acts wie etwa die „Stereo MCs“.
Weil das Wien Museum die Stadt-, Kultur- und Alltagsgeschichte aufzeichnet und präsent macht, ging die Sammlung Werner Geier 2012 in dessen Sammlung über. Und weil diese Sammlung an Plattencovern und Flyern aller wichtigen Wiener Labels und Veranstaltungsorte sowie Sounds und persönliches Arbeitsmaterial ab den achtziger Jahren enthält, ist sie auch ein Stück visueller Kultur der Wiener Elektronik-Bewegung und des innovativen Grafikdesigns der neunziger Jahre. In einer Ausstellung bis zum März 2014 wird nun dieser Querschnitt zeitgenössischer Kultur in Verbindung mit Videos und Ausschnitten aus legendären Radiosendungen von Werner Geier im Wien Museum gezeigt.

Schwer ist es, die richtigen Worte zu finden, ohne in eine dieser üblichen Fallen zu schnellen journalistischen Schreibens zu tappen, wenn nun im Anschluss der afroamerikanische Künstler Jean-Michel Basquiat erwähnt wird, der mit – immerhin – nur 28 Jahren verstorben ist. Aus einer aus Puerto Rico eingewanderten Familie stammend, war sein raketenartiger Aufstieg in der New Yorker Szene, der als erster schwarzer Künstler überhaupt den Durchbruch in der weißen Kunstwelt geschafft hat, enorm. Nicht nur mit seiner expressiven, vom Graffiti beeinflussten Malerei hat er sich positioniert. Durch Genialität etablierte sich Basquiat zunächst rasend schnell in der New Yorker Szene, wo er auch sehr früh in der Noise Band Gray Synthesizer und Klarinette spielte.
Über Vermittlung des Schweizer Galeristen Bruno Bischofberger ist es zu einer näheren und länger währenden Bekanntschaft mit Andy Warhol gekommen. Daraus entwickelten sich eine Reihe von Collaborations (Gemeinschaftsarbeiten). Etwa arbeitete Warhol direkt in die Malerei Basquiats. Jetzt bilden diese Collaborations den inhaltlichen Knotenpunkt der Ausstellung „Warhol-Basquiat“ im Bank-Austria Kunstforum, wo die beiden Exzentriker Seite an Seite und als Dialogpartner präsentiert werden. Zugleich ein scharfer Kontrast. Während Warhol jede Geste stets in Konzept transformieren konnte, repräsentiert der frühe Drogentod Basquiats exakt die tragische Dimension des schwarzen Lebens, wie dies zahlreiche emanzipatorische Theoretiker immer wieder herausgearbeitet haben. Die Perversion liegt darin, dass die enorme Schaffenskraft und Expressivität des Jean-Michel Basquiat in Verbindung mit seinem Tod bald in die Nähe eines reaktionären Mythos von Genialität on the edge gerückt worden ist. Mit welchem Voyeurismus der Markt und das Publikum doch solche Geschichten aufgreifen! Siehe van Gogh. Nur allzu gerne wird dabei die Hautfarbe ausgelöscht oder – als Thrill – bewusst ins Spiel gebracht. Diesen politischen Hintergrund sollte man nicht ganz aus den Augen verlieren in der Auseinandersetzung mit diesem hochinteressanten Projekt.

Unmöglich wäre es, ein weiteres Mal von Tod zu sprechen. Doch es geht hier um das Vergehen, um den Verlust, um die von Menschen gemachte Zerstörung. Allerdings zeigen die filmischen Bilder des indischen Künstlers, Dokumentarfilmers und Historikers Amar Kanwar in seinem Projekt „The Sovereign Forest“, das im letzten Jahr erstmals auf der Documenta 13 zu sehen war, nicht bloß Aufnahmen, welche die Ausbeutung der Natur im ostindischen Odisha visuell übersetzen. Zerstörung, Verschwinden bedeutet hier auch das Unterminieren des Verhältnisses von Menschen zu zentralen Paradigmen wie Gerechtigkeit oder zu politischem Handeln.
Seit mehr als einem Jahrzehnt dokumentiert Kanwar jene industriellen Eingriffe, die weite Teile der Landschaft in dem von ihm fokussierten Odisha verändert und teilweise für immer zerstört haben. Denn seit den 1990er Jahren betreiben dort nationale und internationale Unternehmen großflächig Bergbau und implementieren industrielle Anlagen in ein traditionelles landwirtschaftliches Gebiet. Hochwertige Bauxit- und Eisenerzablagerungen wurden in gewaltige Abbaugebiete umgewandelt. Der daraus entstehende Konflikt um die Kontrolle über Land, Wälder, Flüsse und Mineralbestände zwischen lokalen Gemeinden, Staat und Unternehmen führte zu Zwangsübersiedlungen indigener Gemeinschaften und Kleinbauern sowie unentwegt zu Formen der Unterdrückung und willkürlicher Brutalität. Die filmischen Bilder Kanwars sind durch einem langsamen Rhythmus geprägt. Würde so etwas wie Natur noch existieren, könnte man von deren aufregender Schönheit sprechen. Über die Bilder hinausgehend ermöglicht Kanwar in dieser Ausstellung in der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary in Augarten in Wien in einer räumlichen Inszenierung Erfahrungen jenes ökonomisierten Gutes, das wir zumeist nur in verpackter Form kennen. Etwa zeigt er 266 angebauten Reissorten der Region, deren Vereinheitlichung und Reduktion durch die Agrarindustrie vorangetrieben wird. Dass in diesem Prozess auch Menschen auf der Strecke bleiben ist naheliegend. Den Toten ist daher eines der ebenfalls ausgestellten Bücher von Amar Kanwar gewidmet.
Diese Ausstellung erinnert daran, wie berührend und wie scharfsichtig analytisch-politisch die letzte Documenta in Szene gesetzt war. Eine Herausforderung für den kürzlich ernannten Leiter der Documenta 14 in Kassel 2017, den 1970 in Piotrków Trybunalski, Polen geborenen Adam Szymczyk der zur Zeit die Kunsthalle Basel leitet. Koyo Kouoh, die künstlerische Leiterin der RAW MATERIAL COMPANY, Dakar, in Senegal und Sprecherin der Findungskommission stellte fest, Adam Szymczyk, stehe für eine enge Zusammenarbeit mit Künstlern. Seine Projekte sind motiviert von unstillbarer Neugier und von Integrität und Recherche durchzogen. Dem ist vorläufig nicht mehr hinzuzufügen.

 

UPTIGHT
DIE SAMMLUNG WERNER GEIER

5. Dezember 2013 bis 23. März 2014
www.wienmuseum.at

WARHOL/BASQUIAT
Bank Austria Kunstforum Wien
Bis 2. Februar 2014
www.bankaustria-kunstforum.at

Amar Kanwar: The Sovereign Forest
bis 23. März 2014
TBA21–Augarten
www.tba21.org

documenta 14
10. 6. - 17. 9. 2017
http://d14.documenta.de

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