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Im Puls der Nacht

Nimmt man den Untertitel „Sub- und Populärkultur in Wien 1955 – 1976“ wörtlich, so könnte man dem Autor hier glatt eine Themenverfehlung unterstellen. Aber gerade die vielen geschichtlichen Quer- und Rückverweise machen diese musikalische Zeitreise so spannend. Als soziopolitische und inhaltliche Knotenpunkte dienen vor allem Lokale, Clubs und Bars jener Zeit, wie zum Beispiel der Jazz-Szenetreff der späten fünfziger Jahre „Fattys Saloon“, der am Buchcover in sein Inneres blicken lässt. Weitere Sammelbecken für subkulturell und popkulturell relevante Nachtschwärmerinnen und Nachtschwärmer waren die „Steffl Diele“, der „Club Exil“ und der „Strohkoffer“. Der Teilzeitmusiker und Vollzeittexter Heinrich Deisl, als Mitherausgeber und Veranstalter für das vierteljährlich erscheinende Wiener Musikmagazin „skug“ umtriebig, ist natürlich berufsbedingt beständig am Pulsmessen bei diversen subkulturellen und populären Entitäten. Wie ist, beziehungsweise war, es nun um die Popinterventionen in dem vom Buch umrissenen Zeitraum bestellt? Fazit: Es scheint doch alles eher überschaubar in der „Welthauptstadt“ der Musik gewesen zu sein. Oder doch nicht? Das One-Hit-Wonder Anton Karas, das die Welt Ende der vierziger Jahre zum erzithern brachte, wirkte, wie man erfährt, auch an den Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit der Republik im Oktober 1955 mit. Ein Eckdatum, welches den zeitlichen Rahmen dieser Publikation vage absteckt. Als Proto-Popfigur der Gegenkultur kommt TJ Quasi zu seinen Ehren, der allerdings noch viel zu selten gecovert, geremixt, persifliert et cetera wurde. Beständig wird an dieser Ausnahmeerscheinung vorbeidefiliert. Zu viel oder zu wenig Respekt? Ihm wie auch der Wiener Punkrock-Exzentrität „Novak’s Kapelle“ wird in dieser Nachtlektüre jedenfalls gebührend Platz eingeräumt. Das Jahr 1976 mit der Besetzung der Arena in Wien dient zur Veranschaulichung eines Momentes gesellschaftlicher Selbstermächtigung, und als Eckdatum zur Eingrenzung des gesichteten Materials für Band 1. Vor allem drei thematische „Suchscheinwerfer“ versuchen Lichter der Erkenntnis auf das halbdunkle und halbwilde subkulturelle Terrain dieser Stadt im vorigen Jahrhundert zu werfen: Musik, Film und Medien. Allen Kulturarbeiterinnen und Kulturarbeitern dieser Stadt sei diese etwas andere Gute-Nacht-Geschichte Wiens mit Nachdruck empfohlen. Allen anderen natürlich auch. Damit Sie dann als Auskennerinnen und Auskenner in pop- und subkulturellen Unterhaltungen gedanklich „glaubst i bin bled“ summen können.

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