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Im Sog der Worte

Spoken Word? HipHop? Der Wortmagier Saul Williams hasst nichts mehr als Stillstand und stürzt dank seiner Ungeduld in neue Soundwelten.

Die menschliche Stimme ist genauso ein Wunder wie ein Rätsel und Saul Williams ist einer jener Künstler, die mit ihrer Stimme verzaubern können. Aufgewachsen als Sohn eines Predigers las er natürlich die Bibel, kam aber schon als Kind zu Shakespeare, weil dessen Sprache ähnlich, aber ungleich witziger war. Und diese Faszination führte dann gleich zu seinem Schultheaterdebüt als Mark Anton in Julius Cäsar. In der Vita von Saul Williams gibt es keine Gangs, Schusswaffen und auch keine Armut, sondern im Wesentlichen nur Kunst. Er tauchte früh in die Spoken-Word Szene ein und entwickelte seine hypnotische Stimme und seine unglaubliche Fertigkeit mit Worten umzugehen. Dazu stellt sich immer mehr heraus, dass sein Kopf ein unerschöpfliches Ideenkraftwerk ist: Als er sein Debütalbum mit Rick Rubin aufnahm, hörte er privat Björk. Als er ein Cello ins Studio mitnahm und ein kategorisches „Auf diesen Track müssen Streicher“ aussprach, wurde Rubin unruhig und meinte „Was zum Teufel tust du hier, bist du verrückt?“ Die Antwort von Williams erzählt viel von seinem Antrieb. „Nein, ich versuche nur etwas zu hören, was ich noch nicht gehört habe. Warum suchen wir nur ein Loop aus und rappen darüber? Ich will Bewegung.“
Bewegung, Neugier und die nie enden wollenden Ideen zeichnen auch sein aktuelles Album „MartyrLoserKing“ aus. Es erzählt die Geschichte eines Hackers aus Burundi, der eine Revolution über das Internet auslöst. Inspiriert wurde er dazu durch lange Reisen in den Senegal, durch Südafrika und auf Reunion. Dazu kamen all die Dinge die rundherum passierten, wie die Occupy Bewegung oder die Snowdon Affäre. „Ich wollte eine moderne Parabel schreiben und das Gescheiteste, was mir einfiel war, dass der Held ein Hacker sein musste. Die Bilder der Armut aus diesen Ländern, die wir im Kopf haben, entsprechen nicht dem, was dort wirklich vorgeht. In Somalia kaufen die Leute ihr Obst am Markt und zahlen dafür mit Kopfhörern. In Haiti habe ich in einem entlegenen Dorf jemanden getroffen, der mit einem 3D-Drucker Prothesen für die Leute herstellte und nur ungefähr 20 Dollar dafür verlangte.“
All das floss in „MartyrLoserKing“ ein. Trotzdem ist es das zugänglichste Album seiner Karriere geworden. Die hypnotische Kraft, die er mit seiner Stimme entfalten kann, erreicht hier neue Höhepunkte. Vor allem verleiht er dem stagnierenden HipHop jenen musikalischen Schub, der schon länger notwendig war. Was hält er eigentlich von seinen Kollegen? „Es gab und gibt immer interessante Sachen. Es gab einmal eine Zeit, da deckten sich die progressivste Ideologie und die progressivste Musik, man denke nur an Public Enemy, De La Soul oder A Tribe Called Quest. Dann wurde die Musik langweilig und die dümmsten Textschreiber hatten die besten Hooks. Mein aktueller Lieblingsrapper ist Young Thug, seine Musik ist absolut großartig. Nur bei seinen Texten wünschte ich, ich könnte kein Englisch.“


Saul Williams: „MartyrLoserKing“ (Caroline / Universal)
Live: 20. Oktober Elevate Festival, Graz, 25. Oktober Brut, Wien

Tags:

  • Fotos: Geordie Wood
  • Issue: 39
  • Keywords: Music