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Kapitalverbrechen Kapitalismus?

Den Mai beginnt die brut Koproduktionshaus Wien GmbH mit einer Umwidmung. In der Hauptspielstätte am Karlsplatz wird postdramatischer und postepischer Theaterraum geschaffen für den Gerichtshof „Das Kapitalismustribunal“. Das ubiquitär bekannte Unwesen des europäischen Kapitalismus wird sieben Tage lang, begleitet von einem feierlichen und diskursiven Rahmenprogramm, angeklagt. Dazu das A, B und C des konstituierenden Kaptialismustribunal-Statuts: „A. Das Kapitalismus-Tribunal findet und erfindet in einem fairen Verfahren einen Umgang mit den Verbrechen des europäischen Kapitalismus.“ In schöngeistigstem Juristendeutsch liest sich die Summe der Klägerschaft im Statut dann so: „B. Anklageberechtigt ist jeder lebende Mensch auf dem Planeten.“ Und zu den Angeklagten folgende Erläuterung: „C. Angeklagt werden können alle juristischen Personen, Unternehmen, Konsortien, Konzerne, Institutionen, Staaten, Ereignisse und im Kapitalismus gültige Rechtsnormen. Natürliche Personen (einzelne Menschen) sollten nur dann angeklagt werden, wenn sie aus eigener Entscheidung Personen des öffentlichen Lebens in Europa sind.“ Und so wurden seit Mai letzten Jahres bereits über 400 Anklagen gegen unerwünschte Folgen und Nebenwirkungen eines uns unsichtbar, unmittelbar und unabdingbar wie Atemluft umhüllenden Wirtschaftssystems gesammelt, die alle unter kapitalismustribunal.org auch einsehbar sind.

In der Tradition der Nürnberger Prozesse, der Russell-Tribunale sowie der Wilhelm-straßen-Prozesse wird vom Berliner „Haus Bartleby e. V. - Zentrum für Karriereverweigerung“ ein überpositives Gerichtsverfahren inszeniert, das in sieben Themenfelder gegliedert, täglich fünfstündig vom 4. bis zum 10. Mai ab 12 Uhr verhandelt. Im Anschluss findet dann täglich von 19 bis 21 Uhr „Die siebte Internationale“ statt: Reflexionen, Analysen und Diskussionen mit Philosophen, Wissenschaftlern und diversen Experten. Die einzelnen Themen in chronologischer Reihenfolge lauten: die Psychologie des Kapitalismus, Arbeit im Kaptialismus, Eigentum im Kapitalismus, Medien und Bildung im Kapitalismus, EU/UN/ Nation, Planet Erde in der Zeit der kapitalistischen Produktionsweise, Emergenz und die Gärten des Rechts.

Im zweiten, finalen Teil der Wiener Prozesse des Kapitalismustribunals werden vom 7. bis 20. November im WERK X die anthropologischen Grundkonstanten des Kaptialismus verfeinert untersucht, nachdem ab dem 12. Mai auch die Gegenseite auf capitalismtribunal.org die Möglichkeit hatte, Verteidungsplädoyers für das bestehende ökonomische System vorzubringen.

Ergebnis dieser partizipativen, juristischen und interdisziplinären Investigation ist neben den begleitenden Non-Profit-Publikationen (im Wiener Passagen Verlag) – die aktuelle Anthologie „Das Kapitalismustribunal“ sowie das 2017 erscheinende Buch „Das Kapitalismustribunal: was in einer zukünftigen Ökonomie nie mehr passieren darf“ –die vielschichtige Beantwortung der offenen Frage: Ist der Kapitalismus ein Verbrechen?


Das Kapitalismustribunal
bis 12. Mai 2016
www.brut-wien.at
www.werk-x.at

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