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Foto: 20.000 Days on Earth © Polyfilm

Literarische Rundreise

Seine Romane und Lyrics sind literarische Meisterwerke – nun legt Nick Cave mit „The Sick Bag Song“ ein grandioses Langgedicht vor, das weit mehr ist als ein ungewöhnliches Tour-Tagebuch.

Nick Cave ist richtigerweise nicht nur als Musiker eine fixe Größe des kulturellen Geschehens – seine Prosaarbeiten und insbesondere seine Lyrics machen immer wieder die literarischen Qualitäten seines Wirkens deutlich. Für die nun auch in deutscher Sprache vorliegende, jüngste Veröffentlichung, „The Sick Bag Song“, hat er sich auf eine Zwischenform verlegt: Als lyrischer Prosastrom wird eine Tour durch die Vereinigten Staaten und Kanada nachgezeichnet, die jeweiligen Städte geben die Kapitelstruktur des Buches ab. Doch wer hier bloß ein Nacherzählen von musikalischen Stationen erwartet, wird angenehm überrascht. Im Mittelpunkt des Buchs stehen nicht so sehr die Auftritte sondern vielmehr die Passagen des Übergangs. Von den Rändern her erzählt Cave über Getriebenheit, über das Element des Unsteten. Die Kreisbewegung der Tour ist eingebunden in die umklammernde Reflexion über eine Kindheitserinnerung, über das ganz prinzipielle Spannungsverhältnis zwischen dem Objektivitätsanspruch allgemeingültiger Wahrheit und subjektstiftender individueller Erfahrung. Die Unauflösbarkeit der Frage, ob nun etwas tatsächlich so gewesen ist oder ob es auf eigenständige/eigenwillige Weise erinnert wird und damit auf einer verschobenen Ebene Wahrheitsgehalt gewinnt, ist wenig überraschend die poetologische Grundlage von Caves Text. Bevor sich aber ein Moment von Aussöhnung abzeichnen kann, muss die Tour durchschritten werden: Die titelspendenden „sick bags“ sind hier aber nicht nur Notizzettel, sondern im übertragenen Sinn auch ein diagrammatischer Raum, in dem Cave seine mannigfaltigen Bezüge und Referenzen, die auf den ersten Moment nicht selten widersprüchlich oder auch gegenläufig anmuten, literarisch neu zu einander positioniert. Was sich da findet, macht deutlich, dass der Titel des Buchs keine Zufälligkeit ist, spielt Cave doch sehr gekonnt mit Auswurf und Verwerfung, mit Unrat und Dreck. Es ist also bestimmt nicht das „cleanliness bag“ der asiatischen Zivilluftfahrt, das sich auftut, sondern vielmehr eine wahre „Kotztüte“ (...an die Titelwahl der ansonsten sehr gelungenen Übersetzung und das österreichische Spezifikum „Speibsackerl“ soll an dieser Stelle kurz erinnert werden). Wenn also alle in der sprichwörtlich gleichen „Tüte“ sitzen, ist es nur umso stimmiger, wenn Cave auch auf dieser Ebene sein Oszillieren zwischen Dokumentation und Fiktion fortführt und in seinen mythopoetischen Verschränkungen die geschilderten Szenerien in Räume des Phantastischen und Grotesken überführt. Und nichts ist dann wirklicher, als wenn er beispielsweise weiblichen Allegorien von Nationen begegnet oder unter einer Brücke eine pflegebedürftige „Drachin“ findet. Die aufwändig gestaltete Ausgabe lädt zum Vergleich mit dem Original, vor allem aber zur sofortigen erneuten Lektüre ein. Nick Caves Bewegung überträgt sich auf den Leser, sie erzeugt eine herrliche Unruhe.


Nick Cave
The Sick Bag Song/Das Spucktütenlied
Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 2016

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