article_1260_benjamin_booker_c_neil_kr_580x396.png
Foto: Neil Krug

Lost and Found

2016 stand Benjamin Booker mit dem Rücken zur Wand. Sein Debütalbum, das souverän die Grenzen zwischen Blues, Grunge, Soul und gutem altem Seventies Rock aufhob, war zwei Jahre alt und hatte vollkommen zurecht überall glänzende Kritiken abgeräumt. Booker spielte daraufhin in Glastonbury, wurde von Jack White als Supporting Act eingeladen, besuchte alle wichtigen Late Night Shows und war mehr oder weniger dauernd auf Tour. Das Label fragte schüchtern an, wie es mit der zweiten Platte ausschaue. Booker hatte keine Antwort, denn er hatte schlicht und einfach keine neuen Songs. Er war ein Songwriter, der es nicht mehr schaffte, Worte zusammenzufügen, die Sinn ergaben, Entwürfe landeten sofort im Papierkorb. Die Zeit, auf Einfälle im damaligen Wohnort New Orleans zu warten, war vorbei. So ergriff er den letzten Strohhalm, der ihm einfiel. Er rief seinen Manager an und kaufte sich ein Flugticket nach Mexico City. Eine Stadt, deren Sprache er nicht sprach und die ihm vollkommen fremd war. Er mietete ein billiges Apartment und stellte sich darauf ein, allein zu sein. Er spazierte durch die Parks, besuchte Museen und schaute sich im nächstgelegenen Club ein paar Bands an. Was nach ein paar Wochen geschah, beschreibt Booker so: „Ich war abgeschnitten von daheim, von den Nachrichten, von den Freunden. Plötzlich fühlte ich mich schwerelos. Nach einer gewissen Zeit wusste ich auch, warum. Wenn du wie ich im Süden aufgewachsen bist, musst du ganz einfach mit Rassismus leben. Das habe ich getan, ohne dass es mich groß beeinflusst hat – zumindest dachte ich das. In Mexico City war diese Last aber auf einmal nicht mehr da. Als ich das kapierte, war das auch der Beginn des Songs ,Witness‘.“ Mexico City hatte seinen Zweck erfüllt.Der Bann war gebrochen, die Songs flogen Booker wieder zu.
„Witness“ wurde dann auch der Titelsong von Bookers zweiter Platte – und weil es ein derart zentraler Song ist, erfüllte er sich auch gleich einen Traum. Booker schrieb ein Lied für die letzte Platte von Mavis Staples und brachte sie über ihren Produzenten, den Wilco-Frontmann Jeff Tweedy, dazu, dem Song ihre Stimme zu leihen. Das Aufeinandertreffen des Jungspunds und der legendären Soul- und Gospellegende ist einer der musikalischen Momente des Jahres. Booker schafft es auf seinem zweiten Werk, das lässige Marc-Bolan-Riff neben eine Soulballade zu stellen, den Groove nie zu verlieren und dennoch immer bei sich zu bleiben. Eine Errungenschaft, die ihn im Jahr 2017 einzigartig macht.
Auf die Frage, ob er „Witness“ wie sein Debütalbum analog aufgenommen hat, antwortet er übrigens: „Nie mehr analog! Ich gehe nicht mehr zurück. Es ist verrückt, dieses analoge Ding weiterzubetreiben.“


Benjamin Booker: Witness (Rough Trade Records)

Tags: