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Menschliche Elektronik

Lambchop erfinden sich von Grund auf neu.

Die Stimmung im Hause Wagner dürfte nach dem Wahlsieg von Donald Trump aktuell etwas getrübt sein. Kurt Wagners Partnerin Mary Mancini übernahm im letzten Jahr den Vorsitz der demokratischen Partei in Tennessee und man kann sich vorstellen, dass die frühere Eigentümerin des legendären „Lucy’s Record Shop“ alles getan hat, um dieses Ergebnis zu verhindern.
Wenigstens nahm sich ihr Mann schon im letzten Jahr vor, endlich eine Platte aufzunehmen, die auch seiner Frau gefällt. Dabei schmiss er alles über Bord, was bisher mit seiner Band Lambchop in Verbindung gebracht wurde. Die akustischen Instrumente hatten fürs erste ausgedient, die Beschäftigung mit Protools, Beats und Autotune wurde zu Wagners Obsession. Wer nun erwartet hatte, dass das elfte Album von Lambchop, „Flotus“, eine Hiphop-Übung werden würde, liegt natürlich falsch. Dass es diese neuen Sounds und Werkzeuge in sein Universum geschafft haben, verdankt er der Beschäftgung mit den Alben von Kanye West und vor allem Kendrick Lamar, sowie der Tatsache dass seine Nachbarn diese Sounds in sein Wohnzimmer geblasen haben. Wagner kommentierte diese Alben sogar mit den Worten, dass es „seit den Sechzigern keine derart großen kreativen Schritte gegeben hat.“ Das dürfte vor allem daran liegen, dass sich das Wirken eines wesentlichen Teils der Krautrockszene der Siebziger rund um Hans Joachim Roedelius, Michael Rother oder Möbius, die mit ihren Bands wie Cluster oder Harmonia Meilensteine der modernen Musik setzten, nicht bis nach Tennessee verbreitet hat. Es muss ein Erweckungserlebnis gewesen sein, als er in das Plattengeschäft Third Man Records in Nashville ging, um den Auftritt von Shabzz Palaces zu sehen. Er war verblüfft, welches Kastl da auf der Bühne stand, aus dem Myriaden von Sounds kamen. Wie sich später herausstellte, war es ein TC-Helicon Voice Live 2. „Du kannst damit deine Stimme zum Instrument machen, beispielsweise zu einer Orgel und nur mit der Stimme Akkordstrukturen darstellen. Es hat mich von den Grenzen meiner eigenen Stimme endlich befreit.“
Diese Freiheit nutzte Wagner auf „Flotus“, aber trotz des vollkommen anderen Zugangs bleibt die Aura, die Ruhe und Spannung, die Lambchop immer ausgezeichnet haben, erhalten. „The Hustler“ ist eines der zentralen Stücke auf „Flotus“ und sprengt mit einer Dauer von 17 Minuten alle Grenzen. Aber wie er hier seine neuen Spielzeuge, die menschliche Elektronik, seine Liebe zum Soul eines Curtis Mayfield und den freien Fluss des Beats unter einen Hut bringt, zeigt den großen Künstler. Legionen von Musikern sind an langen Songs gescheitert, Kurt Wagner schafft das Kunststück, als Sieger aus diesem Kampf herauszugehen. Dass man nicht immer gewinnen kann, zeigen das Wahlergebnis und die Reaktion seiner Frau, die vom neuen Album zuerst nicht beeindruckt war. Seit die Lobeshymnen den Haushalt fast erschlagen, hat sie aber ihre Meinung geändert.


Lambchop: Flotus (City Slang)
Live: 14. 2. 2017, WUK Wien; 15. 2. 2017, Kammerspiele, München

FAQ Magazine verlost 1x2 Karten für das Konzert am 14. Februar
Senden Sie bis 10. Februar eine E-Mail mit dem Betreff „Lambchop“ 

an gewinnspiel@faq-magazine.com

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. 

Tags:

  • Fotos: Bill Steber
  • Issue: 40
  • Keywords: Music