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Vic Chesnutt © Sandy Carson

Musik für die Augen

Bücher über Musik, Bücher von und über Ikonen der letzten 50 Jahre erleben eine Hochblüte. Große und kleine Veröffentlichungen über Bob Dylan und David Bowie füllen Bibliotheken (und da ist die Vielzahl der Fotobücher noch gar nicht mitgezählt). In dieser Flut der Veröffentlichungen die wahren Schätze zu finden ist nicht leicht, aber immer wieder lohnenswert.

In einem dieser Kleinode beschreibt Kristin Hersh, die Gründerin und kreative Kraft der zarten Noiserocker The Throwing Muses, ihre gemeinsame Zeit mit dem Maßstäbe setzenden Songwriter Vic Chesnutt. Der Titel „Don’t Suck, Don’t Die “ ist ein jahrelanger Wunsch von Hersh, der schlussendlich nicht in Erfüllung ging, denn Chesnutt nahm sich zu Weihnachten 2009 das Leben. Obwohl die Erinnerungen auf diesen Moment hinsteuern, wird Hersh dem komplexen Charakter ihres Künstlerkollegen gerecht und erzählt auch Episoden, die den Leser verblüffen und ihm dem Menschen Chesnutt näher bringen, als ihm vielleicht lieb wäre. Der Mut Chesnutts, der seit einem Autounfall mit einer Querschnittlähmung leben musste, in all seinen Facetten zu beschreiben, seine Frau Tina als heimliche Heldin zu zeigen und dabei nie die Größe der einzigartigen Songs aus den Augen zu verlieren, nötigt absolute Hochachtung ab und setzt einem großen Künstler jenes literarische Denkmal, das er verdient hat.

Der geborene Ire Gareth Murphy hat sich in „Cowboys & Indies“ gleich die Geschichte der Musikindustrie von 1853 bis in die jüngste Vergangenheit vorgenommen. Wer hier ein trockenes Buch über Wirtschaftsgeschichte erwartet, wird erfreulicherweise bitter enttäuscht. Dank exzellenter Recherchen erzählt Murphy, wie Enthusiasten und Musikliebhaber wie John Hammond den Jazz für große (und zahlungskräftigere) Publikumsschichten zugänglich machen. Natürlich kommen auch die Abenteurer und Geschäftemacher nicht zu kurz, bei denen die unternehmerische von der kriminellen Energie schwer zu trennen war. Mit dem Wachsen der Industrie übernehmen dann ebenso gut bezahlte, wie oft ahnungslose Manager die Macht. Auch deren Fehlentscheidungen und Geldvernichtungsmaßnahmen kommen nicht zu kurz. Dieses unterhaltsame und wissensgetränkte Buch hat alle Ingredienzien zum Standardwerk.

Kurz nach seinem 61. Geburtstag erscheint nun etwas überraschend Elvis Costellos Autobiografie „Unfaithful Music – Mein Leben“. Er wurde Ende der Siebziger zum Vorzeigehampelmann der New Wave, verweigerte sich immer allen Erwartungen und schuf so ein einzigartiges Werk, das von seinen frühen Hits wie „Olivers Army“, Songs für die Ewigkeit wie „Shipbuilding“ über das Kunstlied und Zusammenarbeiten mit Anne Sophie Mutter bis ins Herz des Countryrock reicht. Wie gewohnt setzte Costello auch hier seinen Kopf durch und verweigerte einen routinierten Ghostwriter um seine Geschichte unverfälscht zu erzählen. Costello ist viel zu gescheit und zu höflich um private Dreckwäsche zu waschen, aber es ist von Anfang an klar, dass hier einer profund und ehrlich wie selten von seiner musikalischen Reise erzählt. Sein Vater Ross, der Sänger und Trompeter war und die Familie früh verließ, bleibt einer der Helden, denn welcher Sohn bekam schon bei der Veröffentlichung alle wichtigen Singles von den Beatles abwärts, weil sein Vater die Songs mit dem Tanzorchester und bei der BBC singen musste. Alle Ikonen von Johnny Cash über Bob Dylan bis Tony Bennett haben natürlich Gastauftritte, aber es ist der alles andere als chronologische Erzählstrom eines ewig Neugierigen und manisch Produzierenden, der diese Autobiografie zu einem Ereignis macht.

Kristin Hersh
Don’t Suck, Don’t Die
Austin : University of Texas Press
ab ca EUR 22,70

Gareth Murphy
Cowboys & Indies
Berlin: Edition Tiamat, EUR 24,70

Elvis Costello
Unfaithful Music – Mein Leben
Berlin: Berlin Verlag, EUR 30,90

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