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Neuen Mythen

Text: Thomas Ballhausen Fotos:

Gehen Götter in Pension? Wie gestaltet sich der Übergang zwischen Systemen? Und was passiert, wenn Jesus Aphrodite in einer Bar abschleppt? Anders Nilsen, Autor des Kultcomics „Big Questions“, nimmt sich mit seinem neuen Werk Fragen wie dieser an und katapultiert die antike Götterwelt ins 21. Jahrhundert: „Rage of Poseidon“ zerfällt in sieben unterschiedlich lange Episoden, die allesamt stabile mythologische und religiöse Muster auf den sprichwörtlichen Kopf stellen. Formelhafte Beginne à la „So imagine...“ oder „Let’s say...“ eröffnen gleichermaßen freche wie durchdachte Fort- und Umschreibungen der vertrauten Geschichten. In minimalistischer Manier aus Kürzesttexten und scherenschnittartigen Zeichnungen schildert Nilsen, wie der zurückgezogene Meeresgott Poseidon nochmals seine Kräfte entdeckt, Venus in Hollywood wirkt oder Bacchus Las Vegas managt. Isaac, in der vorliegenden Variante ein durchschnittlicher Junge unserer Tage, erzählt seine Version der Prüfung seines Vaters. Der Exodus aus Ägypten ist dabei nur mehr ein Ego-Shooter. Die Begegnungen zwischen Menschen und Göttern verlaufen bei Nilsen nicht immer nur glücklich: Leda verglüht angesichts der wahren Gestalt ihres übernatürlichen Liebhabers, Athene verwandelt sich in eine Sterbliche. Auch formal ist Nilsens philosophische, unterhaltsame Reflexion über die Stetigkeit des Wandels eine offen ausgewiesene Grenzüberschreitung: Der Buchkern entfaltet sich als Leporello aus dem wunderschön gestalteten Umschlag heraus – eine Graphic Novel als Statement.

Geoff Dyer entführt mit „Die Zone“ ebenfalls in einen fordernden Übergangsbereich. Das Ziel seiner schlingernden, essayistischen Reise ist der geheimnisvolle Raum, der am Ende von Andrej Tarkovskis Stalker steht. Hier sieht sich das Übernatürlich, das Metaphysische verwirklicht, es wird Normalität. Dyers subjektiver Zugriff auf diesen Filmklassiker ist von einer Vielzahl von Verweisen durchzogen, die sein Buch zu einem besonderen Lesevergnügen machen. „Die Zone“ ist mehr als eine Detailstudie von Tarkovskis düsterem Art-House-SF, es ist eine Liebeserklärung an Film und Kino. Mark Z. Danielewskis jüngste Veröffentlichung „Das Fünfzig-Jahr-Schwert“ zelebriert und erweitert auf seine Weise traditionelle Erzählmuster: Fünf Stimmen rekonstruieren einen im wortwörtlichen Sinne mörderischen Halloween-Abend. Im Zentrum des sprachverspielten Langgedichts steht ein düsterer Erzähler, der ein fluchbeladenes Schwert mit sich trägt und wenig Erfreuliches im Sinn hat. Die Zeile „Was ich euch zu erzählen habe, das muss ich euch auch zeigen“ erweist sich dabei als zentral, denn wie auch in den anderen Erfolgsbüchern des Autors ist die aufwändige Gestaltung des Buchs erneut Teil der künstlerischen Strategie: Sprengte „House of Leaves“ förmlich seine Deckel und erforderte „Only Revolutions“ ein permanentes Wechseln der Leserichtung, so ist das von Fadengrafiken durchzogene neue Werk eine Reflexion über Schneiden, Vernähe und Montage – und in mehrfacher Hinsicht als Buch ein Kunstwerk.

 

Anders Nilsen
Rage of Poseidon
Drawn & Quarterly, Montreal, $ 29,95

Geoff Dyer
Die Zone. Ein Buch über einen Film über eine Reise zu einem Zimmer
Schirmer Mosel, München, € 20,40

Mark Z. Danielewski
Das Fünfzig-Jahr-Schwert
Tropen, Stuttgart, € 30,80

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