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Poldi „Tschik“ Wappl und Georg Danzer, Foto © René Reitz

Nur a klana Bua im Winter

Fast acht Jahre nach dem Tod Georg Danzers erschien unlängst das erste Buch über den Singer/Songwriter, der wie kein anderer das Wesen der Menschen in Wien in seinen Texten offenlegen konnte. Wenn man im Tod eines Menschen auch Gutes erkennen möchte, war es im Fall von Georg Danzer das Ausbleiben der sonst üblichen Leichen-fledderei mit überstürzt veröffentlichten Kompilationen und hingeschluderten Schriften. Erst nach einiger Zeit kompilierte Danzers Langzeitmanager und Freund Franz Christian „Blacky“ Schwarz ein Triple-Best-Of-Album. Blacky Schwarz steht auch neben Danzer und dem Musikjournalisten Andy Zahradnik auf dem Cover des GEORG DANZER Große Dinge - Erlebtes und Erzähltes titulierten Buches. Fast zwei Drittel dieses Textes sind bereits 1993 unter dem Titel Auf und davon erschienen, der damalige Verlag machte aber Pleite und nur wenige Exemplare kamen in den Handel. Oft haftet Memoiren ja etwas Eitles und Selbstverliebtes an, davon kann bei den vorliegenden 130 Seiten von Danzer keine Rede sein: Auf und davon erzählt Danzers Kindheit und Jugend im zerbombten Nachkriegs-Wien.

Schonungslos und mit beeindruckendem Erinnerungsvermögen verfasste Danzer diese Chronik unter besonderer Berücksichtigung der Familien- und Wohnverhältnisse mit allen Höhen und Tiefen. Nebenbei erfährt der Leser viel über die Topografie des Gaudenzdorfer Gürtels, wo Danzers wohnten, und die Verhältnisse in den 1940er und 50er-Jahren, in denen Einzelkind Georg lange in einer Wohnung mit einem ausgebombten Zimmer lebte. Er war ein kränkliches und empfindsames Kind, was ihm die Sozialisation in einer unsensiblen Umwelt nicht eben erleichterte. Umso mehr genoss er die Sommerferien auf dem niederösterreichischen Land, wo sich dem Stadtkind eine völlig neue Welt offenbarte. Poetisch und ungekünstelt erzählt Danzer auch vom Antisemitismus der Wiener Kommunisten, vom ersten Sex, dem Hawelka, dem ersten Vollrausch, und immer wieder von der Liebe zu seiner verzagten Mutter, die 1979 starb.

Die vorstädtische Sexualaufklärung war auch eher bodenständig: „Irgendwann hörte ich dann einmal von einem der Buben aus dem Hort, der schon etwas älter war als ich, dass die Kinder dadurch entstehen würden, dass ‚da Voda sein Beidl in die Fut von da Mutta steckt und einebrunzt’“. Den Aufbruch in die ersehnte Freiheit bringt nach der knapp bestandenen Matura die Reise nach Griechenland, inklusive einer mystischen Erfahrung im Sehnsuchtsort Matala. Am Ende steht der Suizid des Vaters, nur vier Jahre nach dem Tod der Mutter. Eine Fotostrecke enthält auch das Bild vom Klanan Buam im Winter.

Die neuen Texte erzählen von Begegnungen mit Ulli Bäer, Wolfgang Ambros, Marianne Mendt, Christian Becker, Rudi Dolezal u.a. Man erfährt zwar noch manch Interessantes über Danzer und die Interviewpartner, doch ist die konzeptionelle Vorgangsweise misslungen. Zunächst ist überhaupt nicht klar wer da eigentlich erzählt (Andy Zahradnik) und Formalitäten wie dem detailreichen Zustandekommen der Treffen wird viel zu viel Platz eingeräumt. Der Raum hätte besser der Vertiefung der Gespräche zugute kommen können. Der Nachdruck von Auf und davon war aber schon überfällig und ist bei weitem nicht nur Danzerologen strengstens zu empfehlen.

Franz Christian Schwarz, Georg Danzer, Andy Zhradnik
GEORG DANZER: Große Dinge - Erlebtes und Erzähltes
Carl Ueberreuter Verlag,
248 Seiten

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