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FAQ Music

Text: Stefan Koroschetz Fotos:

Also wenn das keine Sensation ist, was dann? Viele haben vermutlich nicht mehr daran geglaubt, dass es nach einer Pause von 35 Jahren noch zu einem Black Sabbath-Album in (fast) Originalbesetzung kommt. Schlicht 13 (Mercury/Universal) heißt das aktuelle Soundpamphlet des Bösen, auf dem bis auf Dumpfdrummer Bill Ward (der sich angeblich keine drei Stücke mehr merken kann) mit Ozzy Osbourne, Tony Iommi und Geezer Butler – ergänzt durch Brad Wilk an den Teufelstrommeln – echte Legenden des Heavy Metal noch einmal ordentlich satanisch-musikalisch matchen.Und wie das im Teufelsblei-Genre so üblich ist, wurde in der üppigen Freizeit vorbeugend ordentlich mit hochprozentigem Hustensaft gegurgelt (Infektionsgefahr überall) und auch sonst alles Mögliche eingeworfen und –gedrückt, was einen vorübergehend etwas neben sich stehen lässt. Ich, das ist ein Anderer! Dementsprechend sind die Jungs beisammen (Iommi führt auch einen Kampf gegen den Krebs), Osbourne wurde spätestens mit der MTV-Realityshow zur Lachnummer. Weil sie nicht so recht wussten, wohin, checkten die Drei+Eins in Rick Rubins beliebter Sound-Reha-Klinik ein, wo der Hausherr die zittrigen Mittsechziger an der Hand nahm. Das Resultat ist schlicht umwerfend: Ozzy singt überzeugend wie seit Jahrzehnten nicht, Iommi peitscht Hypnoseriffs aus dem Metal-Hackbrett, und Butlers Bass fährt punktgenau Richtung Schambein. Das Drumming von Leiharbeiter Wilk (Festanstellung empfohlen!) tut das Übrige um 13 zu einer Dampfwalze zu machen. Dass es in den Texten vor „Satan“, „God“ oder „Die“ nur so wimmelt, gehört zum Programm, und bereits im ersten Song „End Of The Beginning“ wird das namensgebende Stück „Black Sabbath“(1970) zitiert. Sicher handelt es sich bei 13 fast durchgehend um eine Selbstkopie, immerhin wird bei den Besten geklaut. Kopf ab, Fledermaus!

Gerade mal ihr Debüt hat die Londoner Female-Only-Band Savages mit Silence Yourself (Pop Noir/Indigo) veröffentlicht. Etwas retortenhaft wirkt das Quartett zunächst, allzu perfekt passt hier eins zum andern, eine übermächtige S/W-Ästhetik aus der Dunkelkammer von Joy Division gekreuzt mit einer Performance-Kombination aus Siouxie Sioux, Patti Smith und den Slits. Passgenau fügt sich auch das Manifest ins Bild, das – man könnte es ja übersehen! – gleich vorn am Cover abgedruckt ist. Sinngemäß geht es darin um die ungezügelte Flut an Sounds und Bildern, die 2013 auf den Menschen einprasseln, und ihn damit von sich selbst ablenken. Originell ist das nicht gerade, aber egal – das etwas manierierte Auftreten soll mal nicht von der Musik ablenken. Denn das natürlich möglichst laute Hören genau dieser einen ihrer Platte legen Savages entschieden nahe! In klassischer Rock-Instrumentierung zeigen die drei Britinnen um die französischstämmige Jenny Beth mit ihrem Post-Post-Punk, dass aus einer Menge bekannter Versatzstücke – und hier ist jeder Sound bekannt – am Ende doch wieder etwas Neues entstehen kann. Man spürt förmlich das Selbstvertrauen und die Kraft, mit der die Band ihre hektischen und kantigen Songs interpretiert, ein wenig Wire da, ein bisschen Elastica dort. Mit dem muskulösen „Shut Up“ geht der Reigen los, und endet mit „Marshal Dear“, ungewöhnlich mit Klarinette und Piano. Am Stück gehört ist Silence Yourself durchaus eine erfrischende Herausforderung.

Gelassener gehen es da die Männer von The National an, die mit Trouble Will Find Me (4AD/Indigo) ihr sechstes Album raushauen. Die Probleme finden einen tatsächlich leicht, wenn es auch - wie meistens in der westlichen Welt - Wohlstandsprobleme sind. Dabei könnten Matt Berninger (Stimme), die Gitarren-Brüder Dessner, sowie die Brüder Devendorf spätestens seit High Violet von 2010, dass sie auch in die Charts brachte, lässig die Beine baumeln lassen. Aber Nein, das Problem will ausgesprochen, und sogar in künstlerischer Form besungen werden, um es zu neutralisieren oder gar einer Lösung näherzukommen. Und wenn das noch in so ohrenumschmeichelnder Form passiert wie bei dem in NYC ansässigen Quintett, will man sogar immer mehr davon. Berninger könnte mit diesem Bariton – übrigens dem von Stuart Staples nicht unähnlich – eine Gebrauchsanweisung deklamieren, man würde ihm gerne zuhören. Zu großen Teilen ist Trouble Will Find Me ein ruhiges, introvertiertes Album geworden, das aber auf der Textebene dann doch wieder Tacheles redet („I Need My Girl“). Mit Akribie werden scheinbar einfache Soundtexturen entworfen, die sich nach und nach in Geist und Körper der Hörer fressen, und es sich dort gemütlich machen. „The Sea Of Love“ etwa ist so ein Kandidat, der mit seinen Marschmusik-Drums sofort zündet, oder „Humiliation“, in dem Berninger in die Rolle eines lebensmüden Bademeisters schlüpft. Manche Stücke brauchen länger, aber einnisten werden sie sich bestimmt. Wie ein Virus, aber ein gutartiger, betörender.

Total anders klingen die Amerikaner von Vampire Weekend. Vor rund fünf Jahren konnte das Quartett mit jeweils anderem etnischen Background mit seiner eigenwilligen Bricolage aus Balkan-Pop, Reggae, Soul und HipHop, kombiniert mit mehr als nur Anleihen von afrikanischer und indianischer Stammesmusik. Der Song mit dem programmatischen Titel „Cape Cod Kwassa Kwassa“ schlug gewaltig ein, und hievte die Band in die größten TV-Shows. Und tatsächlich klang und klingt VW erfrischend anders als die gewohnte Meterware: Irritation gelingt diesem Sound-Melting-Pop besonders dann, wenn sie wie in „Diane Young“ vom aktuellen Album Modern Vampires Of The City (XL/Indigo) eine falsche Fährte legen, in diesem Fall Elektro-Rockabilly mit Schmalztolle der immer wuchtiger wird, dann auf halber Strecke im Vocoder zu verhungern scheint, um am Ende mit dem großen Besteck noch eins draufzulegen. Und das in knapp drei Minuten. Insgesamt wurde auf diesem letzten Teil einer Trilogie das allzu gewagte Hakenschlagen etwas runtergefahren, der Afro-Beat ebenso, dafür wurden lateinische Chöre, Kirchenorgeln und Bässe aus dem Souterrain stärker eingeflochten. Das Coverfoto vom smogreichsten Tag in der Geschichte von NYC deutet in Richtung forcierter Ernsthaftigkeit, und wenn man einen spooky Song wie „Hudson“ hört, gelingt das, ohne aufgesetzt zu wirken. Inhaltlich widmet sich das Album den Religionen und dem Krieg, den ungleichen Zwillingen der Weltgeschichte, von denen doch das eine immer wieder zum andern führt.

Einen traditionelleren Ansatz hat die aus dem dänischen Aarhus stammende Band The DeSoto Caucus, die als jahrelange Begleitkapelle von Wüstenfuchs Howe Gelb mehr oder minder bekannt geworden ist. Mit Offramp Rodeo (Glitterhouse/Indigo) legt das Quartett sein zweites Album vor, auf dem sie Americana-Songs spielen, als hätten sie diesen Sound bereits mit der Muttermilch aufgesogen. Zurückgelehnt spielt sich die Band durch die zehn Songs, die alles enthalten, was man von American Cosmic Music (Gram Parsons) erwartet: hallende Gitarren (die aus einem David Lynch-Movie stammen könnten), Pedal-Steel, schlurfende Drums, und die angenehme Gesangsstimme von Anders Pedersen, die unspektakuläre, aber einnehmende Melodien singt. Vor dem geistigen Auge kann man dabei förmlich die Kakteen aus der gigantischen Weite des Sandes wachsen sehen. Außerdem scheint die Band über einen schrulligen, zum surrealen neigenden Humor zu verfügen, man betrachte nur das Video zum Einstiegssong „Live In The Stream“, und dabei besonders die drei völlig durchgeknallten, nur kurz auftauchenden Radrennfahrer!

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