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Violetta Parisini

Offene Geheimnisse

Von Lizzy Grant über Lana Del Ray zu Lana Del Rey ist es nicht weit, besonders wenn es sich dabei um ein und dieselbe Person handelt. Als Lana Del Ray a.k.a. Lizzy Grant veröffentlichte der Shootingstar dieses Winters bereits ein Album, das schnell wieder vom Markt genommen wurde. Überhaupt schweigt sich Lana über Lizzy gerne aus, es geht ja darum, die geheimnisvolle Lana Del Rey zu promoten. Mit „Video Games“ und dem angeblich selbst geschnitzten Vintage/Found Footage-Video ist der Schlauchbootlippe einer der eindrucksvollsten Popsongs 2011 gelungen, an dem auch die virale Verbreitung Rätsel über das Zustandekommen dieses Hypes offen ließ. Als Pop Noir oder Hollywood Sadcore wird der symphonische Sound der klar als Kunstfigur zu verstehenden Neo-Diva etikettiert, was nicht zuletzt an der Ikonografie der Kurzfilme, die einen wehmütigen Abschied von einer Ära des Showbiz-Glamours suggeriert und dabei auf den Spuren von TM-Meister David Lynch immer rätselhaft bleibt. „Born To Die“, das Debüt auf einem Major (Universal) wird den Erwartungen nicht ganz gerecht, oder eben doch, weil ja das Scheitern (bzw. die Kehrseite Seite des American Dream) ihren Songs immanent ist. Mit dem Titelstück, „Dark Paradise“, dem rockigen „Hey Lolita Hey“ oder auch „Carmen“ sind doch einige – von ihrer schwülen, quecksilbrigen Stimme (Nancy Sinatra, ein Schuss Billie Holiday) getragene - respektable Taschenopern mit dem einen oder anderen HipHop-Beat dabei. Pop At It’s Best ist das allemal, ist diesem doch schon per definitionem ein Ablaufdatum eingeschrieben. So groß wie sie schon war oder eben gerade ist kann Lana Del Rey nie mehr werden.

Internationaler Erfolg könnte sich auch bei der Wienerin Violetta Parisini einstellen, die mit „Open Secrets“ (Universal) die Stärken ihres schon zauberhaften Albumdebüts weiter fokussieren kann. Symbolisch für die inhaltliche Ausrichtung der Songs der studierten Philosophin steht schon das CD-Coverbild: am linken Rand sieht man darauf vor undefinierbarem, grauen Hintergrund einen abgeschnitten Frauenkörper. Dieser trägt als Eyecatcher einen knallorangen Minirock. Melancholisch, dabei doch immer mit Wendungen zum Guten/Besseren sind also die englischen Texte der deklarierten Grüblerin. Die Arrangements sind noch reduzierter (oder einfach konzentrierter), und Parisini scheint noch mehr bei sich zu sein als bei „Giving You My Heart To Mend“. Etwas weniger Pop und dafür ein Schuss mehr Songwriting, und die Tatsache dass die 31-jährige mit einem Händchen für Melodien diesmal alle Stücke selbst geschrieben hat, dürften dafür ausschlaggebend sein. Nach vielen Live-shows wurde das dadurch gewachsene Songmaterial wieder mit Florian Cojocaru produziert. Glanzpunkte sind der Einstieg mit „More Than That“, „All Right“ (potenzieller Hit), das gedankenschwere „Memories Of A Pleasant Child“ oder auch „Defy Control“ mit seinem Rockappeal. Aufgrund der spezifisch österreichischen Radiolandschaft könnte es aber schwierig werden die zwischen den Stühlen FM4 und Ö3/Privatradios angesiedelten „Offenen Geheimnisse“ strategisch sinnvoll zu positionieren und so die verdiente Aufmerksamkeit zu generieren. Ein klarer Fall für den (zumindest vorerst) deutschen Musikmarkt.

Nach acht Jahren Pause hat der inzwischen sakrosankte Leonard Cohen wieder einen Songszyklus vorgelegt. In „Old Ideas“ (Sony) werden ironisch und poetisch alte Ideen verhandelt, die bei Cohen natürlich nie andere geworden sind. Kurz: es geht um ALLES, also um Eros und Thanatos. Man braucht der englischen Sprache gar nicht mächtig zu sein um von den mehr gesprochen als gesungen vorgetragenen Mantras Cohens aufrichtig berührt zu werden. Wie Litaneien klingen die langsamen, sorgfältig instrumentierten Stücke, in denen der 78-jährige Ex-Teilzeitmönch mehr mit (und über) sich selbst als zu einem Publikum spricht. Die markante Stimme ist (trotz Zigarettenstop!) noch tiefer und brüchiger geworden. Kontrastierender Backgroundgesang kommt von Anjanai Thomas, Sharon Robinson, Jennifer Warnes, Dana Clover und den Webb Sisters, von denen einige Leonard nicht nur professionell verbunden sind/waren. In „Show Me The Place“ fragt der ewige Schüler brummend nach dem Ort, an dem sein Leiden begann – er wird ihn in diesem Leben nicht mehr finden. In „Crazy To Love“ greift der E. M. Cioran unter den Singer/Songwritern sogar wieder selbst zu Gitarre und mit „Different Sides“ hat sich doch noch so etwas Ähnliches wie ein Popsong in die Meditation eingeschlichen.

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  • Fotos: Anita Schmid
  • Keywords: Music