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Björk © Warner

FAQ32 Music Selection

Jetzt ist es auch Björk passiert: Ihr aktuelles Album Vulnicura wurde geleakt. Da blieb nur die Flucht nach vorn mit der um zwei Monate vorgezogenen (digitalen) Veröffentlichung, womit der minutiöse Zeitplan – das neue Album sollte mit der Björk-Retrospektive im New Yorker MoMa korrespondieren – zu vergessen war. Vulnicura bedeutet Verletzung und Heilung, und es geht dabei um das Drama der Trennung Björks von ihrem langjährigen Lebensgefährten und Vater einer gemeinsamen Tochter, dem US-Künstler Matthew Barney. Schwer dürften die Verletzungen sein, welche die wohl bekannteste Isländerin in den neun Songs thematisiert. Das wunderbare an den Stücken ist, dass Björk seit Homogenic (1997) kein so zugängliches Werk vorgelegt hat. Die starke persönliche Involviertheit gebiert also weniger Abstraktion und Theorie, sondern für Björk-Verhältnisse fast schon Gassenhauer. Von schlicht gestrickt sind die Songs aber immer noch meilenweit entfernt. Unterstützt wurde die am Cover schwarzes Latex tragende Künstlerin im Studio vom jungen venezolanischen Elektroproduzenten Arca, der schon Kanye West und FKA-Twigs ein zeitgemäßes Beat-Design verpasst hat. The Haxan Cloak erledigte den Mix, und in Atom Dance gibt’s verfremdet die Stimme von Antony Hegarty zu hören. Sehr leiwande Schmerzplatte. Ungefähr so lange wie Björk nicht mehr so hörbar war gibt es die Giant Sand-Abspaltung:

Calexico, bestehend aus John Convertino und Joey Burns. Mit Edge Of The Sun erscheint dieser Tage Calexicos achtes Studioalbum, in dessen Vorfeld sich die beiden für fast ein Jahr in Coyoacan, einem Stadtteil von Mexico City, einmieteten. Vollgepumpt mit Inspiration und mit einer langen Liste an Gastmusikern (Sam Beam, Ben Bridwell, Eric Burdon, Neko Case, Amparo Sanchez, Carla Morrison und vielen anderen) bastelte das Duo an den zwölf Songs, die abwechslungsreicher kaum sein könnten. Bereits die mitreißende erste Single Cumbia de Donde klingt wie ein Konzentrat ihres bisherigen Schaffens. Hervorragende Songs haben sie ja immer schon geschrieben, mit den vielen Gästen und quasi mit Fremdblutdoping aber nun echte Brillanz erreicht. Mariachi-Trompeten, sehnsuchtsvolle Pedal Steel, im euphorischen Falling From The Sky gar eine sanfte Synthie-Melodie, und besonders die helle Stimme von Frau Morrison machen das Album zu einem drängenden Plädoyer für interkulturelle Grenzenlosigkeit auf höchstem Niveau.

In durchgängig hoher Qualität produzieren auch Markus Binder und H. P. Falkner seit 25 Jahren, die sie als Attwenger existieren – und das auch noch in ihrem eigenen Zwei-Mann-Genre, dem sogenannten attwengern. Diesem gibt sich das Duo auf Spot, das zwölf rund zwei Minuten lange Stücke, die von Jingles (eine Minute und kürzer) unterbrochen werden, enthält, wieder beeindruckend hin. Neues Terrain betreten sie im Jingle Japaner mit Zitherklängen, der Coverversion des R.E.M-Klassikers It’s The End Of The Word As We Know It auf oberösterreichisch (wöd), und in i bin froh mit knarzendem Schellaksound. Gegenüber dem Vorgänger Flux (2013) setzten die nicht mehr ganz jungen Männer stärker auf elektronische Sounds, die Spot wieder zu einem unverwechselbaren Attwenger-Bastard machen. Es bleibt zu hoffen, dass Spot nicht das letzte Album von Attwenger, wie wir sie kennen, bleibt.

Mile Me Deaf (MMD) ist seit gut zehn Jahren ein LoFi-Soloprojekt des 28-jährigen, auch von Killed by 9 Volt Batteries und Sex Jams bekannten Wolfgang Möstl. Eerie Bits Of Future Trips (EBOFT) nennt sich kryptisch das aktuelle Album Möstls, der mit MMD schon Alben von Grindcore bis Eurodance produziert hat. Ungewöhnlich bei EBOFT ist die Aufnahmetechnik: Mit Smartphone und anderen portablen Gerätschaften wurde hauptsächlich unterwegs (total ohne Gitarrenverstärker) mitgeschnitten. Entstanden ist dabei ein Opus, dessen erste fünf Songs einen mit freundlich-hellen Stücken und solchem Gesang einlullt, um danach in Richtung Düsternis und Heftigkeit so richtig loszulegen. Kulminationspunkt ist das finale, zehnminütige Headnote #1, das in seiner Grundstimmung weniger an Bacardi als an Guantanamo erinnert. Mit seinen vielen Sounds undefinierbarer Herkunft ist EBOFT aber vor allem in der zweiten Hälfte ein Werk, dass einen durchaus länger knabbern lässt.

Knabbern am Songcontest-Kuchen wollte auch das Trio Johann Sebastian Bass (JSB), leider wurde es nicht der auserwählte Vertreter für Austria. Im Gegensatz zum I am Yours, dieser Konsens-Tranquilizerschnulze von den braven MakeMakes, hat Absoluto (der Bewerbungssong) mit seinem Daft Punk plus Funk-Profil doch echten Pepp und ein lustiges, ironisches Bandkonzept. Als Zeitreisende kommen die drei jungen Männer nämlich aus dem Rokoko in die Gegenwart und spielen demgemäß Elektrococo. Mit Perücken, passender Robe und dem Einsatz von Cembalo stellt JSB das Album Sugar Suite, das schon 2014 erschienen ist, ein mindestens ungewöhnliches Album in die Poplandschaft. Ob hier die Grenze zum Blödelprojekt überschritten wurde, soll jeder für sich entscheiden, anderseits – wenn man an die Ex-Songcontest-Gewinner Lordi oder Alf Poier denkt – ist das noch schwer im grünen Bereich. Sugar Suite ist jedenfalls eine phettes, kurzweiliges Werk, das mit Autotune nicht geizt, und bei dem man sich sogar Prince als Gaststar in Spangenschuhen gut vorstellen kann. Großes Kino ist die Single Vodoo, ein smoother Dancefloortrack, der wie eine popige Version der Linzer Wipeout klingt.

Nach Dan Mangan, der in Robots klarstellte, dass auch Roboter Liebe brauchen, richtet der 28-jährige Kanadier Patrick Watson gleich ein ganzes Album an Roboter. Love Songs for Robots titelt dessen viertes Album, dem anzuhören ist, dass der produktive Watson ganz nebenbei schon 15 Filmscores komponiert hat. Ein prima Gefühl für Stimmungen und akustische Narration zeichnen die zehn Songs aus, die mal sanfter, dann wieder zupackender auftreten. Die vierköpfige Band schafft es wie von Geisterhand, sich zwischendurch auf Cinemascope aufzublasen, wie auch immer sie das macht. Watsons Falsett erinnert ein wenig an Jeff Buckley und steht dem auch in punkto Songwriting um nichts nach. Sehr lässiges Album, nur ein über sechsminütiges Stück wie Turn Into The Noise, in voller Länge im Falsett zu singen kann auch nerven.

 

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