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Posthumer Shooting Star

Vivian Maier (1926–2009) ist schon wenige Jahre nach der Entdeckung ihrer Fotografien fixer Teil der Kunstgeschichte:  Ein neues Buch und ein Dokumentarfilm stellen ihr Werk vor – und spüren zugleich der Biografie dieser Eigenwilligen nach.

Die wunderbare Entdeckung des fotografischen Nachlasses des zurückgezogenen Kindermädchens Vivian Maier hätte, so ist zu vermuten, jeder Historiker gerne gemacht. Es war John Maloof vorbehalten gewesen, die umfassende Sammlung von Fotografien und Negativen 2007 bei einer Versteigerung zu erwerben. Die Recherchen zu historischen Abbildungen, die in ein lokalhistorisches Buchprojekt eingehen sollten, führten ihn damals zu den geheimnisvollen Kisten einer nicht minder mysteriösen Person – und binnen weniger Jahre zur Ausrufung einer kunsthistorischen Sensation. Vivian Maier war, was ihr zu Lebzeiten wohl nicht behagt hätte, andere zeitlebens aber vergeblich erstreben, dank dieser Entdeckung plötzlich weltbekannt. Ihre Arbeiten sind dabei nicht nur wegen der schieren Menge – beläuft sich die Sammlung insgesamt doch auf etwa 150.000 Aufnahmen – oder des von ihr erfassten Berichtszeitraums von Bedeutung, sondern vor allem wegen ihrer bestechenden Qualität. Maier, gleichermaßen scheue Person und fotografisch hochbegabte Beobachterin, hatte über Jahrzehnte einen Korpus von Material angehäuft, der, so muss man vermuten, eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Zentral war für sie wohl eher der Wunsch, zu dokumentieren, durch die zwischengeschobene Kamera ein klar definiertes Verhältnis zur Welt zu entwickeln. Abgeschottet von der bürgerlichen Welt ihrer Dienstgeber streunte sie etwa auch durch die weniger eleganten Teile ihrer Heimatstädte New York und Chicago, ihr Œuvre kann der Street Photography zugeordnet werden – und geht streckenweise doch auch weit darüber hinaus. Manisch und mitunter unheimlich wirkt ihr Erfassen einer Realität, der sie sich selbst erfolgreich entzogen hat. Die Umstände der vieldiskutierten Entdeckung und Maiers Lebensgeschichte, über die in manchen Punkten immer noch Unklarheit herrscht, führten zu einer immer deutlicheren, wohl auch kritisch einzuschätzenden Verquickung zwischen der Fotografin und dem Entdecker ihrer Sammlung. Paradox wirkt sich dabei der Rest von Geheimnis aus, der ihrer Biografie immer noch anhaftet. Hier manifestiert sich etwas Unentschlüsselbares, das sich der Vermarktung entzieht und zugleich das Interesse an Person und Werk sogar noch verstärkt. Vivian Maier ist, unabhängig von ihrer Intention, bereits Geschichte. Demnächst erscheint beim Verlag Schirmer/Mosel der umfangreiche Fotoband Vivian Maier. Das Meisterwerk der unbekannten Photographin 19126-2009.

Finding Vivian Maier
Regie: John Maloof, Charlie Siskel
Verleih: Polyfilm; derzeit im Kino

 

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