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Rastlose Blicke

Text: Roland Schöny Fotos: Press

Die Preise im Bereich der Gegenwartskunst steigen weiter. Kunst zu Sammeln aber bleibt keineswegs einigen spleenigen Superreichen vorbehalten. Wer sich früher etwa für Schallplatten interessierte, könnte sich anhand der Ausgaben für Vinyl ausrechnen, dass da schon Geld für die eine oder andere künstlerische Arbeit drinnen gewesen wäre. Es liegt eben an der Reihung der Interessen. In einer rastlos von File zu File, von Bildchen zu Bildchen clickenden, likenden und nopenden Online-Gesellschaft scheint die visuelle Kunst noch dazu eine neue, alternative Form der Attraktivität auszustrahlen. Es ist das an einem Ort fixierte Werk als gleichbleibender Ausdruck formalisierter Narrative über Risse, Widersprüche, Alltags- und Weltzusammenhänge, das fasziniert.

Dieses Unveränderliche des Werks scheint ein bedeutender Aspekt der Anziehungskraft von Kunst jetzt aktuell zu sein. Was sich hingegen ständig verändert, ist unser Blick und unsere Art, mit dem Werk zu kommunizieren. Zugleich wird es immer schwieriger, zwischen relevanten und spannenden Positionen und der im unentwegten Hype sich ausbreitenden „Kunstmarktkunst“ Unterscheidungen zu treffen. Wo ist der gute Pop, der Konzentrate unseres Lebensgefühls enthält, unsere Aufmerksamkeit, unsere Bereitschaft, Haltung einzunehmen, stärkt? Was unterscheidet ihn vom seichten Schlager? Wie steht es um neue Konzepte, die unser Verständnis weiter treiben?

Die Transformation der im vergangenen November zu Ende gegangenen „Vienna Art Week“ von einer überschaubaren Elite-Veranstaltung vor zehn Jahren in einen Kunst-Marathon, der auf Massenmobilisierung setzt, trug jüngst dazu bei, solche Fragen aufzuwerfen. Ihr Motto: „Running Minds“. Aufbrechen, sich auf Entdeckungsfahrt machen, zu Ausstellungen, die zum Teil bis Anfang 2015 laufen.

Ausharren, etwa in der Galerie Mario Mauroner Wien, wo die feministische, türkische Künstlerin Inci EVINER (*1956, Ankara) sich mit den unterschiedlichen Gesichtern der Moderne und deren Widersprüchen zwischen Fortschritt und Rationalisierung sowie Zerstörung und Vernichtung andererseits auseinandersetzt. Neben Zeichnungen und Collagen auf Pauspapier, in denen die Künstlerin Raumbegriffe und –vorstellungen abhandelt, faszinieren vor allem ihre Breitwand-Videoarbeiten wie „Nursing Modern Fall“. Was zu sehen ist, erinnert in seiner Vielteiligkeit an ein Fresko, an Hieronymus Bosch oder in Aspekten auch an Pieter Bruegel. Auf reale Karten und Baupläne (der Grundriss des KZ Auschwitz taucht schemenhaft auf) in der Projektion draufgesetzt wird der Raum zur Arbeitsbühne. Hier verschmilzt eine Turbinenhalle (in der Realität gebaut von Albert Kahn & Whitney Aircraft, 1941) mit den Innenraum-Zeichnungen von Andrea Palladio. In einer der fragmentarisch verschachtelten Raum- und Zeitzonen erscheint ein Untergrundtunnel, der imaginäre Kreaturen beherbergt; vielleicht mögliche Flüchtlinge. Unheimliche Szenen, eine Krankenschwester mit der absurden Intention, solche Raum-Dekonstruktionen zu heilen. Ein bewegtes Puzzle aus einer Vielzahl von Makroszenarien.

Raum, das ist nicht ein konziser, festgefügter Ort, sondern eine fragile Relation. Auch bei Constanze Ruhm (*1965, Wien). In ihrer Ausstellung in der Kerstin Engholm Galerie untersucht sie die innere Topografie einer historisch signifikanten Filmproduktionen, während sie sich auch in ihrem eigenen Œuvre von der Analytikerin hin zur Filmemacherin bewegte. Ihre Ausstellung „Panoramis Para-≤mount Paranormal“ bezieht sich auf einen in Entstehung befindlichen filmischen Essay, von dem auch ein Trailer zu sehen ist. Es ist die Annäherung an die Originalschauplätze von Jean-Luc Godards Une femme est une femme (1961). Im Mittelpunkt des nach vielen Seiten sich ausfaltenden Projekts stehen die 1971 einem Großbrand zum Opfer gefallenen Filmstudios von St. Maurice und die Wohnhausanlage Residence Le Panoramis, die auf dem Gelände errichtet worden ist. Der Film, wie auch Constanze Ruhms Fotoarbeiten, zeigen verschiedene Perspektiven, die sich aus Godards Original herleiten lassen: historisch und filmgeschichtlich oder geografisch auf den Stadtraum bezogen. Für eine Fotoserie wurden zahlreiche Locations von Une femme est une femme aus jeweils zwei Perspektiven fotografiert; einmal als exakte Wiederholung einer der ursprünglichen Einstellungen, und das andere Mal als Konstruktion des persönlichen Blickwinkels der weiblichen Hauptfigur (Angela/Anna Karina); eine Sicht, die im Film also in dieser Form nicht zu sehen ist. Außerdem stellt die Künstlerin in einer Serie von Diptychen Bilder der Straßen, in denen gedreht wurde, aktuellen Fotoaufnahmen genau der selben Orte gegenüber. Spiralförmig nähert sich Constanze Ruhm somit einer Vielzahl von Aspekten der Erzeugung filmischer Realität an; ähnlich ausflatternd wie Godard selbst in seinen Filmen.

Räumliche Parameter bilden auch das Grundgerüst der Ausstellung von Thomas Zipp (*1966, Heppenheim) in der Galerie Krinzinger. Es sind bühnenartig angelegte Situationen, die mehrere Wohnräume – fast wie in einer WG – umfassen. Neben den ihnen zugedachten Funktionen des Wohnens und Schlafens oder der Aufführung von Musik sind ihnen verschiedene Bedeutungen zugeordnet, welche sich auf Schriften der Psychoanalyse oder Studien der Psychiatrie aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert beziehen. Schnell bemerkt man, wie sehr es um Normierung, Beobachtung und Kontrolle geht. Eine Theaterlandschaft mit Laborcharakter. Auf ein reales Experiment der Psychopyhsik zurückgreifend, stellt Thomas Zipp Fragen nach der Möglichkeit, Glücksempfinden herzustellen; und zwar als Folge eines für die Gesellschaft sinnvollen Handelns. Je intensiver die Auseinandersetzung, umso gespenstischer erscheint das Szenario.

Gegenwart und historische Realität eines tatsächlich bedeutsamen Ortes hat die Künstlerin Nicole Prutsch (*1980 Wagna) in Form einer Intervention miteinander verschnitten – im Zuge ihrer „Entsumpfung“ im legendären Perinetkeller, einem kleinen, feuchten Soutterain-Lokal im 20. Bezirk. Jetzt nützt sie das Lokal selbst als Atelier. Legendär ist der Keller, weil es sich um das ehemalige Atelier von Otto Muehl (1925 Grodnau – 2013 Olhão in Portugal) handelt. 1962 ging dort die aktionsähnliche Veranstaltung „Blutorgel“ mit Adolf Frohner und Hermann Nitsch über die Bühne. „Drei Tage schrankenlose Enthemmung, Befreiung von aller Brunst, Transponierung derselben in Blech, Schrott, verwesenden Abfällen, Fleisch, Blut, Gerümpel (…)“, hieß es im Manifest „Blutorgel“. Auch Günter Brus (*1938 Ardning) trat dort in Aktion. Kaum irgendwelche anderen Überreste aus dieser Zeit erzählen mehr über die Enge im kulturell ausgehungerten Nachkriegsösterreich als dieser winzige Keller.

Aus demselben – damals sehr überschaubaren – Kreis kommt Peter Weibel (*1944 Odessa). Mit welcher Energie es ihm gelang, unentwegt präsent zu sein und zu bleiben, als Künstler und Kurator seit den 1960er Jahren eine Vielzahl von Ausstellungen zu bestreiten und zugleich mehrere Institutionen zu leiten, wirkt neuerlich unbegreiflich, angesichts der ausufernden Retrospektive „Peter Weibel Medienrebell“. Nur eine Landschaft roh hingestellter metallener Schiffscontainer mit aufwendigen Rauminstallationen, Regalsystemen und Medieninstallationen im Inneren kann das ausufernde Œuvre des 36 Stunden pro Tag arbeitenden Künstlers, Aktivisten und Theoretikers dokumentieren. Anstatt „Warnung! Diese Ausstellung kann ihr Leben verändern“ müsste es in der Headline heißen „Achtung! Hier können sie aus Faszination hängen bleiben!“

Doch wo geht es weiter? Vielleicht wieder an der Peripherie der nach prominenten Knotenpunkten strukturierten Wiener Szene, da wo sich experimentelle Situationen erschließen und von den Grundlagen her geforscht wird: am Thema Sound und dessen technischen Bedingungen zum Beispiel. Im Zuge der „Klangkunsttage“: nicht High Tech Computer-Kultur wurde da gepusht, sondern bis zurück zu den Basics, zu Kabel und Schaltkreis ging es. Das konzentrierte Ausstellungsprogramm im Kunstraum wellwellwell sollte man mitverfolgen. Es ist einer der vielen Brennpunkte der Szene der Gegenwart.

 

Inci Eviner
bis 15. Jänner 2015
Galerie Mario Mauroner Wien
1010 Wien, Weihburggasse 26 

Constanze Ruhm / Emilien Awada 
PANORAMIS PARAMOUNT PARANORMAL 
bis 10. Jänner 2015 
Kerstin Engholm Galerie 
1040, Schleifmühlgasse 3

Thomas Zipp
A Psychophysical Basis For Utilitarian Comparisons
bis 10. Jänner 2015
Galerie Krinzinger
1010, Seilerstätte 16

Nicole Prutsch
ENTSUMPFUNG
ein Abend: 21. November 2014
Installation, Freilegung des Perinetkellers ehemaliges Atelier Otto Muehl, Aktionen von 1962–1967

Peter Weibel
Medienrebell
bis 18. Jänner 2015
21er Haus
1030 Schweizergarten, Arsenalstraße 1

wellwellwell
Kunstraum
1040, Mittersteig 2a
open on Saturdays from 2–6 pm