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FAQ31 Music Selection

Der Mann war echt lange weg vom Fenster. Michael Eugene Archer aka D’Angelo veröffentlichte sein Albumdebüt vor knapp 20 Jahren, fünf Jahre später schob er das Nr.1 Album Voodoo (2005) nach. Dann kam, fast möchte man sagen, das Übliche für einen Soulmusiker: der kapitale Absturz mit Drogen und Suff sowie ein beinahe tödlicher Autounfall. Von der Popwelt fast vergessen, kommt der stark unter Genieverdacht stehende nun mit Black Messiah aus dem Lazarett, einem atemberaubenden Hybrid aus Soul, R’n’B, HipHop, Funk, Jazz, und einer Prise Rock, den er wegen der Ferguson-Riots früher als geplant veröffentlicht hat. Mit Support von The Roots-Mastermind Ahmir Questlove Thompson und dem Jazz-Trompeter Roy Hargrove gelingt es D’Angelo & the Vanguard dort anzudocken, wo der Soul in den USA noch gesellschaftspolitische Relevanz hatte. Bei Marvin Gaye, Curtis Mayfield, Gil Scott-Heron, Sly Stone und Al Green, die allesamt Solidarität in der Black Community einforderten bzw. predigten. Dabei ist es nicht unbedingt der exzellente, mit allen Kunstgriffen wie verschleppten Beats, harten Schlägen auf den Beckenrand und Bässen aus dem Mariannengraben aufwartende Sound, der Black Messiah zum herausragenden Album macht. Es ist die Rückkehr des Soulrebels auf die Landkarte des avancierten Pop. Sexy und kämpferisch.

Auch kämpferisch und sexy klingt No Cities To Love, das überraschende Opus des Frauentrios Sleater-Kinney, das sich 2005 eine Verschnaufpause auf unbestimmte Zeit genommen hatte. Die aus der Riot-Grrrls-Bewegung kommenden Feministinnen Corin Tucker, Carrie Brownstein, und Janet Weiss repräsentierten über rund zehn Jahre perfekt das Modell einer Hipster-Band und machten mit The Woods (2005) ihre beste Platte. Die Begeisterung über die Rückkehr der Band aus Olympia/Washington zeitigte bereits im Jänner „Platte des Jahres!“-Rufe, während der Erfolg von Brownstein als TV-Mimin und Autorin maximale Medienaufmerksamkeit generiert(e). Die auf einen Bass verzichtenden Sleater-Kinney glänzen mit bewährten Qualitäten wie zweistimmigem Gesang, klugen Texten, harten verzahnten Riffs vom besaiteten Holzbrett, und einer gnadenlosen Janet Weiss als Schrittmacherin. In schlanken 33 Minuten vermitteln die gereiften Gören eine Dringlichkeit, die den Geist von Punkrock ohne Nostalgie konserviert hat. Appetizer: No Anthems mit einer beeindruckenden Stimmexplosion.

Aus der Zeitrechnung vor Club Meds kennt man den Kanadier Dan Mangan als netten, bärtigen Folkie, der dementsprechende, also nicht sooo wahnsinnig aufregende Musik macht. Immerhin wurde mal ausgesprochen, dass auch Roboter Liebe brauchen. Club Meds, aufgenommen mit dem Musikerkollektiv Blacksmith aus Vancouver, markiert einen dramatischen Kurswechsel Mangans hin zu düsteren, melancholischen Stücken in komplexen Arrangements. Was ist passiert? Der 31-jährige ist Vater geworden und will mehr Verantwortung tragen. Als thematische Klammer für das Album dient die Sedierung der Massen, und zwar die freiwillige! Es tut gut, Dans Bariton in gewichtigeren Stücken zu hören wie Vessel, das mit bestechender Verve die Zeile It takes a village to raise a fool memoriert, oder den Chamberfolk von War Spoils. Rhythmisch ausgeklügelt präsentiert sich Pretty Good Joke, das Mangan gar als moderaten Zyniker ausweist, und im schrägen Titelstück kann man Dans Unbehagen fast körperlich spüren. Club Meds ist eine fordernde, aber lohnende Platte, die den Vergleichen mit Peter Gabriel und Editors’ Tom Smith ein Ende setzen sollte. Hoffentlich geht Mangan diesen Weg weiter, der ihn selbst und seine Fans aus der Komfortzone katapultiert.

Das diskussionswürdige Coverfoto des neunten Belle&Sebastian-Albums Girls in Peacetime Want to Dance weckt Erwartungen, die von den Songs nicht immer eingelöst werden können. Mastermind Stuart Murdoch schrieb die Stücke aus der Perspektive eines Mädchens namens Allie, das zum Tagträumen neigt und Silvia Plath mag. Dementsprechend introspektiv sind die Texte, die sich alternierend im bewährten Twee-Pop-Kostüm, oder mit Disco-, Synthie-, Europop und Polyrhythmen als Dancepop präsentieren. Das gelingt nicht immer. In The Party Line etwa wird discotechnisch mit Nile-Rodgers-Gitarre doch etwas zu dick aufgetragen. Perfect Couples hingegen funktioniert mit Percussions, Loungepop und Abwechslungsreichtum hervorragend. Immerhin wollen B&S raus aus dem Twee-Pop-Korsett, was zu goutieren ist.

Auf ganzer Linie Freude bereitet Gliss Riffer, das aktuelle Album des sympathischen Amerikaners Dan Deacon. Erstmals singt der farbenverliebte Brillenträger, wenn auch verfremdet, richtig im Vordergrund, teils sogar mit sich selbst im Duett (Feel The Lightening), und manchmal mit beeindruckender Inbrunst (Sheated Wings). Weltpremiere feiert auf Gliss Riffer der bis dato unter Verschluss gehaltene Sub 37-Moog-Synthesizer, mit dem zu experimentieren der gelernte Elektroakustik-Komponist die Ehre hatte. Das Ergebnis sind sechs teils hymnische Elektropopsongs und zwei nicht minder spannende, für Disklavier (eine Art programmierbares Klavier) komponierte Stücke am Ende des Albums. Der Mittdreißiger aus Baltimore, Maryland demonstriert, dass sich gute Laune und anspruchsvoller Sound nicht ausschließen.

Stärker dem emotionalen Tiefgang hat sich der Dubliner Conor O’Brian mit seinem Projekt Villagers verschrieben. Darling Arithmetic ist das dritte Studioalbum der Villagers, das O’Brien wieder von den elektronischen Experimenten auf Awayland (2013) zurück zur reinen Lehre führt. Der zarte Reigen der Nabelschau beginnt mit Courage, das sich der Liebe zu sich selbst, und damit der wohl wichtigsten, widmet. Die Akustikgitarre grundiert dabei O’Briens mäandernden, verletzlichen Gesang, bis sich das Stück mehr und mehr verdichtet, und am Ende gar ein markantes Echo auf die Stimme legt. Piano, Mellotron, Bass, Beserlschlagzeug und Streicher bilden mit unterschiedlicher Akzentuierung das knappe Instrumentarium für die neun Petitessen, denen anzuhören ist, dass hier einer furchtlose Introspektion betrieben und Herzblut vergossen hat. Nicht nur deshalb ist Darling Arithmetic eine Platte, die totale Aufmerksamkeit braucht. Mit einer Laufzeit von 37 Minuten bleibt das klanglich bis auf die Knochen abgemagerte Opus auch in angenehmer LP-Länge, doch das ist mehr als genug.

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