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Rufus Wainwright

In Samt gebunden wurde im letzten Jahr Rufus Wainwrights bisheriges Lebenswerk – darunter seine Oper, Live-Alben, Klavier-Etüden und das Judy-Garland-Konzert – im Umfang von 15 CDs und DVDs herausgegeben. „Out of the Game“, das nunmehr siebte Studioalbum, ist also der Beginn einer Ära: unerhört, neu und unverkennbar. Er selbst beschreibt es als sein poppigstes und tanzbarstes Werk – was zutrifft – aber vergliche man „Pop“ mit einem Bilderbuch, so ist dieses Album eines, das sich, nachdem es aufgeschlagen wird, in alle Richtungen aufzufalten beginnt, während sich gleichzeitig Abgründe auftun, in die man leicht gezogen wird, wenn man zu tief in sie hineinblickt. In dieser Welt voller Höhen und Tiefen lauert ein Zoo schillernder Fabelwesen: Janusköpfe aus Ironie und Dramatik („Rashida“), melancholische Discofüchse („Bitter Tears“) und aus Unsicherheit geborene Liebeslieder inmitten einer musikalischen Patchworkfamilie aus Country und Blues mit schrummendem Klavier und Ukulele („Respectable Dive“). Um Widersprüche, Hakenschläge oder Konventionen, seien es stilistische oder musikalische Strukturen betreffend, hat sich Wainwright noch nie viel geschert und so verwundert auch die Wahl von Mark Ronson als Produzent nicht. Es ist ein eklektisches Werk geworden, in dem sich immer wieder neue Feinheiten in Melodie, Arrangement, Text und Interpretation entdecken lassen, denn Wainwright vereint das Beste vieler Welten: Er ist Architekt mit untrügerischem Gefühl für den Klangraum und seine Eigenschaften, die Position der Instrumente sowie das Spiel mit und gegen Harmonien. Er besitzt die Wandlungsfähigkeit eines Schauspielers, ohne den klaren Tenor, das charakteristische Vibrato zu verlieren, ist mal Diva, dann wieder verletzlich oder rotznäsig. Als Maler ist er Meister der Perspektive, der sich niemals nur mit einem musikalischen Fluchtpunkt zufrieden gibt und er ist Autor, der Prousts Kunst im Evozieren von Erinnerung in nichts nachsteht, Bilder und Referenzen aufflackern oder am Horizont vorbeiziehen lässt. Und er ist am 6. Juli in der Wiener Staatsoper zu Gast.


Tags:

  • Fotos: Tina Tyrell
  • Issue: 18
  • Keywords: Music