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Saint Polly

Die Geschichte ist voller Legenden zum Thema „Das erste Konzert“. Eine der besten und witzigsten kann man derzeit in „Tastenficker“, den Erinnerungen des Rammstein-Keyboarders Flake nachlesen. Aber auch die Überlieferung des ersten Konzerts von PJ Harvey unter diesem Namen kann mit dieser wunderbaren Erzählung mithalten: Ort der Handlung war die Charmouth Village Hall. Waren zu Beginn noch rund 50 Menschen anwesend, verließen schon während des ersten Songs 48 davon die Halle. Nach dem Ende des Lieds kam eine Frau zur Bühne und flehte die Band an: „Seht bitte ein, dass euch niemand mag! Wir bezahlen euch, aber bitte hört auf zu spielen.“ Solche Erlebnisse können dazu führen, dass die Lebensplanung geändert oder das Künstlerdasein zumindest hinterfragt wird. Oder es kann der Anlass sein, sich durchsetzen zu wollen und hart an seiner Kunst zu arbeiten.

Heute spielt PJ Harvey in Ihrer eigenen Liga. Ihre eher seltenen Touren werden bejubelt, ihre Alben „Stories from the City, Stories from the Sea“ und „Let England Shake“ gelten als Klassiker, denen der Zahn der Zeit nichts anhaben wird. Trotz des Jubels entzieht sie sich oft jahrelang der Öffentlichkeit, nur um dann umso triumphaler zurückzukehren. Für eine Künstlerin, die die Zurückgezogenheit liebt, kam der Aufnahmeprozess für das im April erschienene Album „The Hope Six Demolition Project“ mehr als überraschend: Mit ihrem ständigen musikalischen Schatten John Parish quartierte sie sich im Somerset House im Londoner Zentrum ein und macht den Aufnahmeprozess zu einem Work in Progress bei dem jeder Besucher durch ein verspiegeltes Fenster zuschauen konnte. Die Musiker hielten sich in einer Art Würfel auf, und an den Wänden hingen Bilder von Ziegen und Hunden, die Harvey auf ihrer Reise durch Afghanistan gezeichnet hatte. Die Songs des Albums spiegeln diesen Wandschmuck. Es sind musikalische Reflexionen ihrer Reisen mit dem Fotografen und Filmemacher Seamus Murphy durch die USA, den Kosovo und eben Afghanistan. Diese Exkursionen inspirierten das Duo auch schon zu dem Foto-und Gedichtband „The Hollow of the Hand“, der auch als Fotobuch des Jahres 2015 nominiert wurde.

Nun macht sich PJ Harvey wieder angreifbar. Mit den neuen Songs und einem ausgewählten Blick in die Vergangenheit geht sie nach langer Unterbrechung wieder auf Tour und gastiert mit ihren Musikern, die zum Teil auch schon bei den Bad Seeds ihres Exfreundes Nick Cave gespielt haben, beim Harvest of Art Festival am 8. Juli am neu adaptierten Festivalgelände St. Marx. Zu erwarten ist nicht mehr und nicht weniger als eine einmalige Performance.

PJ Harvey: The Hope Demolition Project (WKCP), Island/Universal
Live: 8. Juli 2016, Harvest of Art Festival, Festivalpark Marx Halle, Wien

Tags:

  • Fotos: Maria Mochnacz / Universal
  • Issue: 38
  • Keywords: Music