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Sex me up!

Nach dem Schock kommt der Aha-Effekt. Designerin Anna Jannicke übt sich gerne in Provokation, um ihre Message zu verdeutlichen.

Den Betrachter zu schockieren, war schon immer ein gern genutzter Kunstkniff in der Welt der Kreativen. Egal ob in der Male-rei, der Performancekunst, im Film oder in der Fotografie: Erlaubt ist, was den Blick des Betrachters bannt. Und natürlich, wo wäre Provokation besser aufgehoben, als in der Mode? Von Jean-Paul Gaultier, quasi der Erfinder der modischen Koketterie am Laufsteg, über Fashion-Punks wie Vivienne Westwood bis hin zu den neuen Wilden von Vetements – die Devise heißt auffallen. Doch nach Luft ringende Journalisten in der Front Row sind noch lange kein Garant für Erfolg. Wichtig ist die Message hinter dem Getöse – und diese scheint heutzutage tiefgängiger denn je. Noch nie schafften es so viele politische Statements und gesellschaftskritische Slogans auf die Laufstege und in die Kleiderschränke der breiten Masse. Mode möchte heute, unter anderem, etwas bewirken. Und das schafft man eben am besten mit einem lauten Aufschrei statt mit leisen Untertönen. Bestes Beispiel: Die junge Designerin Anna Jannicke. Die gebürtige Kölnerin studierte an der Kingston University London bevor sie sich mit einer ihrer ersten Kollektionen „Text me Sex me“ an besonders aktuelle Themen wie Gleichberechtigung und Sexualisierung ran wagte. Inspiration dafür fand Jannicke unter anderem bei Künstlerinnen im digitalen Bereich, die mit ihren Arbeiten immer wieder gesellschaftliche Normen hinterfragen. Denn was ist Schönheit eigentlich? Ein bestimmtes Bild, geprägt durch die Gesellschaft. Dieses Thema durch bloße Nacktheit darzustellen, war der Deutschen dann aber doch zu offensichtlich. Mit ihrer Kleidung wagte sie sich abstrakter an die Thematik heran und kreierte zum Beispiel schnittliche Deformierungen, die an Brüste erinnern, eindeutig zweideutig geformte Stoffapplikationen und Perlen in Phallusform. Der Aussagewert dieser mutigen Entwürfe? Einen selbstbewussteren Umgang mit Sexualität und Körperidealen zu erreichen. Zugegeben: Kennt man diesen Kontext nicht, können die abstrahierten Darstellungen von Genitalien schon schockieren.
Das allgegenwärtige, geschlechterdifferenzierte Bild von Frauen erforscht die Designerin und freischaffende Stylistin auch in ihren weiterführenden Kollektionen. Mit Polkadots, Blazern und Schulterpolstern schafft sie es dabei sogar mit dem Trend zu gehen. Und das auf ihre ganz eigene, hintergründige Weise. Schockierend sympathisch eigentlich.


Photograph: Santiago Perez
Model: Berit Froysland at Seeds Models,
Hair & Make-Up: Jana Rohland,
Styling: Anna Jannicke

www.annajannicke.com

Tags:

  • Fotos: Santiago Perez
  • Issue: 47
  • Keywords: Fashion