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Foto © Mohammed Ali Jeetaria

Theaterprojekt Lindengasse

Text: Michael-Franz Woels Fotos:

Elf Bücher befragen ihren Autor Hanno Millesi zu der Teilnahme an dem pataphysischen Theaterprojekt LINDENGASSE von Stefanie Frauwallner im Monsoon-Sommer 2014. Die Closing Ceremony (Moderation: Lukas Thöni) fand am 12. September in der Theaterbar Irrlicht im Kreise von strahlender A bis C-Prominenz statt.

Ab 1. August 2014 mischten sich sechs Wochen lang (die klassische Theaterprobenzeit) vier erfundene Figuren unter die Gemeinschaft von Facebook-UserInnen - ProtagonistInnen einer Social-Media-Soap-Opera. Jede Kunstfigur wurde von einem Model und einer schreibenden Person (u.a. Hanno Millesi, Florian Hackspiel, Raja Schwahn-Reichmann) im Hintergrund gestaltet. Die Handlungsschritte erfolgten an der Grenze zwischen Realität und Fiktion. Die AutorInnen der imaginierten Personen kommunizierten mit realen Facebook-UserInnen. Die dadurch geschaffenen Irritationsmomente dienen zur Hinterfragung der Realität unseres gesellschaftlichen Umfeldes und der (Un?)Möglichkeiten virtuellen Kommunikationsverhaltens.

DISAPPEARING: Die Durchdringung von privatem und öffentlichem Leben ist ein allgegenwärtiger und wohlbekannter Topos unserer Zeit. Soziale Netzwerke, Reality-TV, Abhörskandale, Spionage und Überwachung sind zu alltäglichen Phänomenen geworden. Ich habe mir zur Vorbereitung diese Sätze notiert: »Auch Neinsager sind Mitläufer« und »Erinnerung erzeugt Bewusstsein«. Sie sind hier natürlich kontextfrei aneinandergereiht, trotzdem würde ich dich bitten, auf diese beiden Aussagen näher einzugehen.

HANNO MILLESI: Die Durchdringung der beiden Lebensprinzipien öffentlich und privat ist ein Thema, seit es diese Prinzipien gibt, das heißt, seit sie benannt werden. Ich denke, dass auch das Bestreben, sie miteinander zu versöhnen, aber gleichzeitig strikt zu trennen, zu jeder Zeit Thema war. Was in unserer Epoche hinzugekommen ist, mag ein neuer Level der Hinterfragung von so etwas wie Wirklichkeit sein. Die Unbeschränktheit totaler Transparenz, die einen durchsichtig werden lässt. Die Geborgenheit eines nachts überwachten Bahnsteigs, in der gleichzeitig die Gewissheit steckt, einer solchen Kontrolle auch selbst keinen Moment lang zu entgehen. Dass Erinnerung Bewusstsein erzeugt, halte ich für unumgänglich, allerdings bedient sich die Erinnerung heute einer neuen Generation von Hilfsmitteln (Aufzeichnungen, Daten, Statistiken), deren Authentizität sich mittlerweile als vergleichbar manipulativ herausgestellt hat wie die so genannter veralteter (etwa spiritueller, ideologischer). Neinsager sind als Teilnehmer am Dialog zweifellos Mitläufer, können allerdings zu einer Richtungsänderung beitragen.

DAS INNERE UND DAS ÄUSSERE SONNENSYSTEM: Wie würdest du jemandem, der das Projekt LINDENGASSE nicht kennt, dieses beschreiben beziehungsweise welche Rolle hattest du dabei?

Bei LINDENGASSE handelte es sich um ein experimentelles Theaterprojekt von Stefanie Frauwallner, in dessen Verlauf auf verspielt subversive Art fingierte Charaktere ins Kommunikationsgeplänkel eines Social Networks eingeflochten wurden. Meine Aufgabe bestand darin, das vage vorgegebene Profil einer – durchaus realistisch konzipierten – Identität (ein Herrenausstatter alten Stils) zu präzisieren und mich als diese ins Gespräch zu begeben. Wer mit mir Freundschaft schloss, konnte an meinen (textlichen und visuellen) Statements teilhaben bzw. ließ mich auf die seinen reagieren.

TRAUMATOLOGIE: Seit wann und in welcher Regelmässigkeit verwendest du Facebook?

Als klassischer Nachzügler habe ich erst ein wenig zugewartet, bin eher hineingestolpert, verwende es dennoch selten, eher passiv, überfliege aktuelle Einträge, denke über die meinen viel zu lange nach. Anfänglich war ich von einigen Interessentengruppen zu spezifischen Themen beeindruckt, aber die haben sich entweder aufgelöst, wurden mit der Zeit und der wachsenden Zahl an Interessenten immer unschärfer, oder haben sich – um das zu verhindern – einen exklusiveren Status verpasst. Am ehesten nutze ich die Bekanntgabe von Terminen, sowohl um meine zu verbreiten, als auch die anderer zu Kenntnis zu nehmen.

PRIMAVERA: Hat sich die Nutzung von Facebook im Laufe der Jahre aus radikalsubjektiver Sicht geändert?

Die Kommunikation innerhalb der Clique erfolgt auf derselben Ebene wie das professionelle Marketing. Als ich jünger war, habe ich mich über Altersgenossen gewundert, die sich in der Einkaufspassage verabredeten. Als vielsagend empfand ich den in den Anfangstagen von Facebook offenbar häufigen Fall – ich habe ihn auch von jemand gehört, der jemand kennt, der … – demzufolge Menschen sich vor dem Aufbruch zu ihrer lange ersehnten Fernreise auf FB von ihren Freunden verabschieden, um bei ihrer Rückkehr festzustellen, dass sie ausgeraubt wurden und dieser Raub in Verbindung mit der Veröffentlichung ihrer Abwesenheit stehen dürfte.

IM MUSEUM DER AUGENBLICKE: Was findest du am omnipräsenten Medium Facebook reizvoll, hast du als Autor eine spezielle Strategie entwickelt, um mit dieser medialen Realität umzugehen?

Reizvoll finde ich die Möglichkeit auf Aktivitäten hinzuweisen bzw. eben solche im Überblick vorzufinden. Die Gefahr besteht darin – das habe ich bereits mehrfach erlebt –, dass Leute eine Veranstaltung, die nicht auf FB angekündigt wurde, gar nicht mehr wahrnehmen. Die Möglichkeit, das soziale Netzwerk selbst als Material kreativer Intervention zu verwenden, habe ich erst durch Stefanie Frauwallners Arbeit kennengelernt.

TRAUMATOLOGIE: Was hat dich im speziellen an der LINDENGASSE Autorenschaft gereizt?

Gereizt hat mich der experimentell anmutende Charakter gekoppelt mit dem – das habe ich vor Beginn des Projektes noch stärker empfunden – subversiven Duktus innerhalb der Inszenierung.

BALLVERLUST: Welche (öffentlichen) Orte, digitale wie physische, findest du im Theaterbereich interessant bzw. heutzutage relevant?

Ich finde grundsätzlich jeden Ort interessant (mitunter auch die klassische Bühne), das Theater sollte nicht so sehr nach vermeintlich interessanten Orten suchen, sondern sich Formen überlegen, wie gesellschaftlich relevante Orte sinnvoll bespielt werden können. Stefanie Frauwallner hat mit ihrer Arbeit einen ungewöhnlichen Beitrag dazu geleistet.

ZUR FOTOGRAFIE IM WIENER AKTIONISMUS: Du hast ja als Assistent des Aktionskünstlers Hermann Nitsch gearbeitet und dich intensiver mit Aktionskunst beschäftigt. Welche Formen der Aktionskunst findest du zeitgemäß in einer Epoche der permanenten Selbstinszenierung – nicht nur von KünstlerInnen (Selfies, Self-Promotion, Ich-AGs, StartUp-Manierismus ...)?

Das Projekt der 60er Jahre Aktions- und Körperkunst ist ja weitgehend abgeschlossen, seinem Ziel gemäß im wirklichen Leben aufgegangen oder wurde zwecks weiterführender Analyse ins Museum transferiert. Einzelne Aspekte damaliger Konzepte sind ohnedies bereits in den Alltag übergegangen. Bereiche wie Politik oder Werbung haben sich in dieser Domäne unerhört breitgemacht, viel davon übernommen, sodass performative Kunst, meiner Erfahrung nach, eher als Performance eine gewisse Renaissance erlebt. Im künstlerischen Bereich interessiert mich dabei das Reenactment, das – wie relevante Kunst in den meisten Fällen – auch Entsprechungen in nicht rein ästhetisch motivierten Feldern hat. Beispielsweise interessiert mich der Bedeutungsunterschied zwischen dem politischen Impetus einer Demo und der theatralen Inszenierung, auf der sie basiert.

MYTHENMACHER: Wo findest du Rückzugsorte, Muße zum Schreiben? Hast du gewisse Schreibrituale bzw. -routinen entwickelt oder ändern sich diese auch mit den Schreibprojekten?

Verschiedenartige Projekte bedingen mitunter spezifische Arbeitsweisen, gewisse Änderungen vollziehe ich auch, um eine physisch merkbare Zäsur zu schaffen, grundsätzlich arbeite ich jedoch gerne an Orten, zu denen ich eine bestimmte Beziehung aufgebaut habe. Ich kann das nicht unter allen Umständen überall. Dabei muss allerdings bedacht werden, dass das eigentliche Schreiben, das Abfassen des Textes, vielleicht der wichtigste, sicherlich aber nicht der einzig entscheidende Abschnitt einer Arbeit ist. Dazu gehört viel Denkarbeit, die ich am besten unterwegs bewältige, und dazu gehören mitunter Recherchen, für die Bilbiotheken oder das Internet wichtig sind.

KALTE EKSTASEN: Du bist neben deiner Schreibtätigkeit auch als Gitarrist der Band Albers aktiv sowie in Hörspielproduktionen involviert. Wie ergänzen sich diese unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksweisen?

Wer wie ich seit vielen Jahren aktiv Musik hört und diese auch als Teil seiner Persönlichkeit begreift, will irgendwann auch selbst etwas zum Klingen bringen. Wer wie ich für seine künstlerische Arbeit die grundsätzlich einsame Arbeitsweise eines Schriftstellers gewählt hat, genießt die Kreativität im nervenaufreibenden Kollektiv. Musik betreibe ich durchaus ernst, wenn auch in keinster Weise mit demselben Anspruch wie Literatur. Beim Musikmachen stand und steht für mich auf alle Fälle die Freude daran im Mittelpunkt. Mit Hörspielen habe ich mich befasst, um mich in direkter Rede und Dialogen zu trainieren. Trockenübungen mit dramatischen Formen auf einem sinkenden Showboat.

WÄNDE AUS PAPIER: Kannst du etwas mit dem Begriff »diszipliniertes Schwärmen« anfangen. Was würdest du darunter verstehen, für welche Kunstformen, Künstler kannst du in »diszipliniertes Schwärmen« geraten.

Aus meiner Zeit bei Hermann Nitsch erinnere ich mich an den Begriff des »geordneten Chaos«, der im Zentrum seiner Arbeit steht. Disziplin sagt mir etwas, Schwärmen klingt für mich nach einer Exaltiertheit, mit der man bestimmte Seiten eines Interesses (einer Neigung) »entschuldigen« möchte. Diese Rücknahme, als müsse man sich dafür schämen, sagt mir nicht viel. Vielleicht ist das aber auch so etwas wie eine Liebe zur Statistik. Wenn sich irgendwo ein ganzer Schwarm Vögel erhebt, denke ich unweigerlich an das ebenso plötzliche wie unvorgesehene Ansteigen gewisser Wertanlagen. Neben meinem Engagement für Stefanie Frauwallner, beschäftige ich mich auch mit der Arbeit der österreichischen Performancekünstlerin Kerstin Cmelka.

DER NACHZÜGLER: Du kommst aus einer angesehenen Ärztefamilie. Welche Rolle spielt die Medizin in deinem künstlerischen Schaffen?

Dazu kann ich, um ehrlich zu sein, nicht viel sagen. Tatsächlich ist mein Vater Arzt und in zweiter Ehe mit einer Ärztin verheiratet. Bezeichnender ist vielleicht eher, dass ich in einem Haufen Naturwissenschaftlern und Menschen, aus denen noch Naturwissenschaftler werden dürften, aufgewachsen bin. In Summe stehen sie meiner Arbeit, denke und hoffe ich, mit Sympathie, zuweilen vielleicht mit ein wenig Befremden gegenüber.


Die nächste Lesung von Hanno Millesi ist am 11. November ab etwa 20.00 Uhr im Rahmen der von Gustav Ernst veranstalteten kolik.autoren.lounge in der S-Bar des Schauspielhauses in der Porzellangasse 19, 1090 Wien.

www.schauspielhaus.at

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