article_1187_01_maison-margiela_580x396.png
© Maison Margiela

Tüllgemälde

Text: Lena Style Fotos: Press

Kreative Höchstleistung mit mehr als 300 Arbeitsstunden: Die Geschichte hinter den geisterhaften Stoffporträts von Maison Margiela

Langsam beginnt sich die „front row“ zu füllen. In reinem Weiß erstrahlt der Saal, nichts soll von der gezeigten Mode ablenken – es geht schließlich um pure Handwerkskunst. Sogenannte Influencer und Modeblogger findet man hier nicht, gefragt sind Menschen vom Fach. Und die sehen der Artisanal Show mit Spannung entgegen. Auf die kreativen Ergüsse des Chefdesigners John Galliano ist man ohnehin stets gespannt – diesmal allerdings ganz besonders, wenn der opulente Stil des Briten auf die avantgardistische Dekonstruktion des Vermächtnisses von Martin Margiela trifft. Zwei Welten prallen aufeinander. Schließlich ist es soweit. Während die ersten Entwürfe der Kollektion über den weißen Laufsteg gleiten, werden die Smartphones gezückt. Schnell fällt die Vielzahl an angedeuteten Gesichtsformen und kaum zu erahnenden Profilen auf, die sich wie von Zauberhand aus der Kleidung zu winden scheinen. Dann der vorletzte Entwurf: ein weißer, bodenlanger Mantel aus „bonded cotton“ (ein zweilagiges Baumwollgewebe, das durch ein Bonding miteinander zu einem wasser- und windabweisenden leichten Gewebe verbunden wird), auf dem sich ein ätherisches Frauengesicht auszubreiten scheint. Das Geschöpf wirkt so schwerelos, als könnte es jeden Augenblick vom Mantel flüchten, umschlingt ihn aber gleichzeitig und zieht seine Spur vom Futter bis hin zur Schulter des Models. Das Bild geht augenblicklich durch sämtliche Social-Media-Kanäle weltweit – die Geschichte dahinter bleibt den meisten allerdings verborgen.

Im Zuge der Haute-Couture-Woche in Paris, zu der es in Sachen Schnelllebigkeit und Social Media immer etwas langsamer vonstattengeht, griff der Chefdesigner des Luxusmodehauses gerade dieses Thema auf. Die Entwürfe entstanden in Anlehnung an die menschliche Interaktion mit digitalen Medien und animierten Filtern á la Snapchat. Man könnte also sagen, eine Form der Schönheit beziehungsweise Verschönerung, die nur einen flüchtigen Moment verweilt. Für dieses Projekt holte man sich den britischen Künstler Benjamin Shine mit an Bord. Die beiden arbeiteten dafür über einige Monate intensiv zusammen. Unglaubliche 300 Arbeitsstunden stecken in dem weißen Mantel, einem tragbaren Kunstwerk aus nur einem Stück Tüll. Nach unzähligen Testversuchen konnte der gewünschte Effekt schließlich erzielt werden – per Hand wurde der hauchzarte Stoff vom Künstler persönlich in Form genäht. „Ich wollte das Gesicht komplett transparent erscheinen lassen, wie Rauch, der über den Mantel schwebt. Besonders mochte ich die Tatsache, dass der Tüll aus seiner funktionalen Rolle als Futterstoff ausbricht um zu diesem flüchtigen Bild zu werden“, resümiert Shine, der bereits Projekte für das New York Museum of Arts and Design, Google oder Givenchy verwirklichen durfte. Seine Arbeit bezeichnet er übrigens am liebsten als „Malen mit Stoff“ – ein Verschwimmen zweier kreativer Welten, das ganz dem Spirit Martin Margielas entspricht.

www.benjaminshine.com

Tags: